Nachhaltigkeit

Pilzleder, Ananasfasern, Apfelschalen-Leder: Tierfreie Materialien im Überblick

Tierfreie Lederalternativen im Check: Woraus Pilzleder, Piñatex, Apfel- und Kaktusleder bestehen, was sie leisten und worauf du beim Kauf achtest.

10 Min. Lesezeit8. Juni 2026
Close-up of hands working with leather in a workshop, emphasizing craftsmanship and detail.

⏱ Lesezeit: ca. 9 Minuten

Das Wichtigste in Kürze
  • Viele tierfreie Lederalternativen bestehen überwiegend aus Polyurethan, pflanzliche Rohstoffe dienen oft als Füllstoff.
  • Das bekannteste Pilzleder, Mylo, ruht seit Juli 2023, keine geprüfte Alternative erreichte im Labortest die Leistung von Leder.
  • Achte beim Kauf auf Materialangaben, Beschichtung, Prüfzeugnisse und den Begriff Leder statt auf Namen wie vegan oder pflanzlich.

Tierfreie Lederalternativen aus Pilzen, Ananasblättern, Apfelresten und Kaktus klingen nach einer sauberen Lösung. Tatsächlich bestehen viele dieser Materialien zu einem großen Teil aus Polyurethan, und das bekannteste Pilzleder, Mylo, ruht seit 2023. Was sich über die vier bekanntesten Materialien belegen lässt und worauf du beim Kauf achten kannst.

Weltweit zählt FAOSTAT für 2024 rund 1,58 Milliarden Rinder, 1,36 Milliarden Schafe und 1,19 Milliarden Ziegen. Etwa 305 Millionen Rinder wurden geschlachtet, ihre Häute wiegen zusammen rund 8,8 Millionen Tonnen (jeweils geschätzte Werte).[1] Häute und Felle entstehen dabei als Nebenprodukte der Fleischindustrie. Schon ein FAO-Papier von 2001 hält fest, dass ihre Menge kaum auf die Nachfrage nach Leder reagiert, sondern auf den Fleischmarkt.[2] Wer auf Leder verzichtet, ersetzt also ein Material, das ohnehin anfällt.

Leder ist ein Nebenprodukt, und das macht die Klimarechnung heikel

Wie viel der Klimabelastung der Rinderhaltung dem Leder angelastet wird, ist in Ökobilanzen eine Rechenentscheidung. Eine Studie mit Daten aus der italienischen Rindfleischerzeugung kommt für die Rohhaut je nach Methode auf 2,7 Prozent (Zurechnung nach Marktwert, 2023) oder 5,9 Prozent (nach Gewicht). Das entspricht 1,63 bis 3,55 Kilogramm CO₂-Äquivalenten je Kilogramm Rohhaut. Die Autor*innen halten die Zurechnung nach Marktwert für am besten geeignet. Wer die Häute gar nicht einrechnet, überschätzt demnach die Belastung durch Fleisch und unterschätzt die durch Leder.[3]

Dazu kommt die Gerbung. Nach dem EU-Referenzdokument zur Gerbung wird ein Anteil von 80 bis 90 Prozent des Leders mit Chrom(III)-Salzen gegerbt. Sechswertiges Chrom wird dabei nicht eingesetzt und hat keine Gerbwirkung, kann aber während der Herstellung im Leder entstehen, wenn Chrom(III) oxidiert.[4] Leder ist damit weder ein klimaneutrales Naturprodukt noch automatisch die schlechtere Wahl. Es kommt auf Rechenmethode und Gerbverfahren an.

Tierfreie Lederalternativen bestehen oft überwiegend aus Polyurethan

Das FILK Freiberg Institute hat 2021 neun Lederalternativen, ein Schuhoberleder und ein herkömmliches Kunstleder aus Polyurethan (PU) mit Normverfahren aus der Lederprüfung untersucht.[5] Desserto und Appleskin sind demnach beschichtete Textilien: ein Polyestergewebe mit Polyurethan-Schichten, in die pflanzliche Füllstoffe eingearbeitet sind. Wie hoch der pflanzliche Anteil ist, konnte das Team nicht bestimmen. Die Hauptmasse blieb Polyurethan. Piñatex® ist ein Vlies aus Ananasfasern mit dünner Beschichtung, in der die Forschenden einen bemerkenswerten Anteil an PU und Acrylat fanden.

Keine Alternative erreichte die Leistung von Leder. Im Biegetest hielt Leder mehr als 200.000 Zyklen aus, Piñatex 150.000, Appleskin 50.000 und Desserto 30.000. Für Schuhoberleder gilt eine Anforderung von mehr als 80.000 Zyklen. Bei der Wasserdampfdurchlässigkeit, die den Tragekomfort bestimmt, lagen Desserto und Appleskin unter dem Normwert.[5]

200.000Biegezyklen hielt Leder im FILK-Test aus
150.000Biegezyklen schaffte Piñatex
30.000Biegezyklen schaffte Desserto

Beim Schadstoff-Screening fanden sich in mehreren Proben Stoffe, die für Schuhe und Bekleidung als beschränkt gelten, etwa Toluol, Butanonoxim oder Dimethylformamid. Das betraf auch das herkömmliche PU-Kunstleder. Die Studie erschien 2021, prüfte je eine Probe und untersuchte keine Klimabilanz. Aktuelle Produktlinien können abweichen. Ihr Fazit: Pflanzliche Füllstoffe erhöhen den biobasierten Anteil, bringen aber keinen messbaren physikalischen Vorteil, und einen Umweltvorteil könnte erst eine vollständige Ökobilanz belegen.[5]

Pilzleder: Das bekannteste Material ruht seit 2023

Mylo™ von Bolt Threads wird aus Pilzmyzel gezüchtet, dem verzweigten Geflecht im Boden, aus dem Pilze wachsen. Nach Angaben des Unternehmens dauerte das Wachstum weniger als zwei Wochen. Im Oktober 2020 gründete es ein Konsortium mit adidas, Kering, lululemon und Stella McCartney, die sich exklusiven Zugang zum Material sicherten.[6] Im Juli 2023 stoppte Bolt Threads die Produktion, weil die Finanzierung für den Ausbau fehlte. Das Unternehmen sprach von einer Pause.[7] Auf der Website von Bolt Threads steht heute, die Firma sei nicht mehr aktiv.[8]

Die Idee ist damit nicht erledigt. Ein Review von 2026 sieht Myzelverbundstoffe nahe an industriellen Standards, nennt aber weiter offene Probleme bei Zugfestigkeit, Wasserbeständigkeit und standardisierter Herstellung.[9]

Piñatex hat PLA im Kern und PU an der Oberfläche

Piñatex von Ananas Anam entsteht aus Ananasblättern, die nach der Ernte übrig bleiben. Nach Angaben des Herstellers werden sie sonst traditionell entsorgt oder verbrannt. Für 1 Quadratmeter braucht es laut Hersteller etwa 480 Blätter, rund 16 Pflanzen. Die Fasern werden gewaschen, getrocknet und gereinigt, dann mit Polymilchsäure (PLA) aus Maisstärke zu einem Vlies verarbeitet.[10]

Die Beschichtung besteht aus Polyurethan. Bei Piñatex Original ist es ein wasserbasiertes PU, das 10 Prozent des Materials ausmacht. Bei der Variante Performance sind es 42 Prozent aus hochfestem und teilweise biobasiertem PU. Das Basisvlies besteht zu 80 Prozent aus Ananasfaser und zu 20 Prozent aus PLA und ist unter industriellen Bedingungen abbaubar, das Gesamtmaterial ist laut Hersteller nicht zu 100 Prozent biologisch abbaubar.[10] Vollständig plastikfrei ist es damit in keiner Variante. Der Hersteller betont außerdem, Piñatex sei kein Leder, weil dieser Begriff Materialien tierischen Ursprungs vorbehalten sei.[10]

Nach eigenen Angaben arbeitet Ananas Anam direkt mit Anbaugemeinschaften auf den Philippinen zusammen und schafft ihnen neben der saisonalen Ernte eine zusätzliche Einkommensquelle.[10] Unabhängig geprüft ist das in den hier genutzten Quellen nicht, Angaben zu Arbeitsbedingungen in der Lieferkette fehlen ebenso. Im FILK-Test erfüllte Piñatex die Anforderungen an Biegefestigkeit und Wasserdampfdurchlässigkeit. Die Zugfestigkeit, also die Kraft pro Querschnitt bis zum Reißen, lag mit 4,5 N/mm² aber weit unter der von Leder (39,5), und die Oberfläche wirkt laut Studie wie ein Vlies, nicht wie Leder.[5]

Apfelleder: Saftreste als Füllstoff, Polyurethan als Hauptmasse

Bei der Verarbeitung von Äpfeln bleiben etwa 20 Prozent der Frucht als Rückstand übrig.[11] Das Unternehmen Frumat aus Bozen, 2008 gegründet, macht aus Schalen und Kerngehäusen, die beim Pressen der Früchte anfallen, unter anderem Appleskin®. Dafür werden Apfelmehl, Wasser und ein Bindemittel gemischt. Apfelreste machen nach einer Fallstudie der Universität für gastronomische Wissenschaften in Pollenzo bis zu 50 Prozent des Rohstoffs aus, hergestellt wird das Material in anderen italienischen Betrieben.[12]

Die FILK-Analyse ordnet Appleskin als polyurethanbeschichtetes Polyestergewebe mit zellulosehaltigem Füllstoff ein. Im Biegetest hielt die Probe 50.000 Zyklen aus, in ihr fanden sich Butanonoxim und Spuren von Dimethylformamid.[5] Belegt ist nur: Die Hauptmasse bleibt laut Labor Polyurethan.

Auch der Name ist rechtlich heikel. Das Oberlandesgericht Köln untersagte im Juli 2025 einer Anbieterin von Hundezubehör, Halsbänder aus Apfeltrester als „Apfelleder“ zu bewerben. Geklagt hatte ein Verband der ledererzeugenden Industrie. Unter „Leder“ verstehen Verbraucher*innen laut Gericht ein durch Gerben von Tierhäuten hergestelltes Produkt, und der Zusatz „Apfel“ mache nicht eindeutig, dass es sich um etwas anderes handelt. Dass das Material mit PVC/TPU beschichtet war, stand nur in aufklappbaren Produktdetails. „Kunstleder“ hielt das Gericht dagegen für zulässig, weil es offenlegt, dass kein Naturprodukt vorliegt.[13]

Einordnung

Die Entscheidung erging im Eilverfahren zu einer konkreten Produktwerbung und verbietet nicht jede Verwendung des Wortes.

Kaktusleder: Zu Anbau und Zusammensetzung gibt es fast nur Herstellerangaben

Desserto® ist eine Marke des mexikanischen Unternehmens Adriano Di Marti. Nach Herstellerangaben wächst der Nopal-Kaktus auf einer Ranch im Bundesstaat Zacatecas mit Regenwasser, ohne Bewässerungsanlage und ohne Herbizide und Pestizide. Geerntet werden nur reife Blätter alle 6 bis 8 Monate, die Plantage steht etwa 8 Jahre.[14] Eine unabhängige Prüfung dieser Angaben findet sich in den ausgewerteten Quellen nicht.

Zur Zusammensetzung nennt der Hersteller ein eigenes Biopolymer aus Kaktusproteinen. Die fortschrittlichsten Materialien seien zu 90 Prozent biobasiert, die Linie Desserto BIO+ trägt das Label des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) für biobasierte Produkte mit 65 Prozent.[14] Biobasiert beschreibt die Herkunft des Kohlenstoffs, nicht die Entsorgung: Der Hersteller spricht selbst nur von teilweiser biologischer Abbaubarkeit unter anaeroben, thermophilen Bedingungen. Seine Frühphasen-Ökobilanz beruht laut Hersteller auf vorläufigen Daten und Schätzungen, die Vergleiche mit Leder und PU bezeichnet er als Annäherungen.[14]

Wie weit Herstellerbeschreibung und Laborbefund auseinanderliegen können, zeigt die FILK-Analyse: Die untersuchte Desserto-Probe war ein PU-beschichtetes Polyestergewebe mit pflanzlichem Füllstoff und enthielt fünf beschränkte Stoffe, darunter Toluol, freies Isocyanat und Folpet, ein organisches Pestizid. Ob das für heutige Chargen und Linien gilt, lässt sich daraus nicht ableiten.[5]

Worauf es beim Kauf ankommt

Beim Kauf lassen sich 5 Punkte prüfen. Sie ersetzen keine Ökobilanz, helfen aber, Werbeaussagen einzuordnen und Greenwashing zu erkennen.

  • Materialangabe lesen. „Vegan“ oder „pflanzlich“ sagt nichts über PU oder PVC. Hilfreich ist, nach 3 Dingen zu fragen: dem Anteil des pflanzlichen Rohstoffs, der Beschichtung samt Trägergewebe und einem Prüfzeugnis dazu.
  • Prozentangaben einordnen. „Biobasiert“ lässt sich per Zertifikat oder Radiokarbonmessung belegen, Desserto veröffentlicht dafür ein Prüfdokument nach ASTM D6866. Es sagt aber nichts darüber, ob das Material kompostierbar ist.[14]
  • Auf den Begriff „Leder“ achten. Nach dem Kölner Urteil kann „Apfelleder“ bei Produkten ohne Leder in der Werbung irreführen, und Ananas Anam sagt selbst, Piñatex sei kein Leder.[13][10] Klarer ist ein Begriff wie „Kunstleder“, den das Gericht ausdrücklich für zulässig hielt.
  • Haltbarkeit mitdenken. Im FILK-Test hielt Leder mehr als 200.000 Biegezyklen, Piñatex, Appleskin und Desserto zwischen 30.000 und 150.000. Was früher ersetzt werden muss, kann die Bilanz verschieben. Ohne Ökobilanz lässt sich das nicht beziffern.[5]
  • Branchenwerkzeuge nicht mit Belegen verwechseln. Die norwegische Verbraucherbehörde hielt den Higg Materials Sustainability Index 2022 nicht für eine ausreichende Grundlage der Umweltaussagen, die damit in der Werbung gemacht wurden. Der Branchenverband Sustainable Apparel Coalition setzte daraufhin verbraucherbezogene Higg-Labels aus.[15] Unabhängige Tests und nachvollziehbare Zahlen zählen mehr als ein Label.

Wer aus tierethischen Gründen auf Leder verzichtet, hat damit ein eigenes Kriterium, das keine Ökobilanz ersetzt.

Fazit

Tierfreie Lederalternativen gibt es wirklich, aber sie sind seltener pflanzlich, als ihre Namen klingen. Das bekannteste Pilzleder ruht seit 2023. Piñatex, Appleskin und Desserto verbinden pflanzliche Rohstoffe mit Polyurethan, und keines der geprüften Materialien erreicht die Leistung von Leder. Zugleich ist Leder keine neutrale Vergleichsbasis, weil Rechenmethode und Gerbung die Bilanz verschieben. Ob sich solche Verbundmaterialien in eine Kreislaufwirtschaft einfügen, hängt davon ab, ob sie langlebig sind und sich trennen oder verwerten lassen. Dazu fehlen in den ausgewerteten Quellen belastbare Daten.

Am Ende zählt, was im Material steckt und wie lange es hält, nicht der Name auf dem Etikett.

Kerngedanke

Quellen

[1] FAO: FAOSTAT, Crops and livestock products (Dateistand 31.12.2025), Weltwerte 2024 für Bestände und Rohhäute, überwiegend geschätzt. fao.org/faostat

[2] FAO (2001): Hides and skins and leather commodity profile and strategy for development (CCP ME/HS 01/6). fao.org

[3] Lunesu et al. (2025), Animals 15(24): Attributing Farm-to-Slaughter Emissions to Hides: Evidence from Beef Supply Chains. doi.org

[4] Europäische Kommission, Gemeinsame Forschungsstelle (2013): Best Available Techniques (BAT) Reference Document for the Tanning of Hides and Skins. aida.ineris.fr (PDF)

[5] Meyer et al. (2021), Coatings 11(2), 226 (FILK Freiberg Institute): Comparison of the Technical Performance of Leather, Artificial Leather, and Trendy Alternatives. doi.org

[6] Bolt Threads (02.10.2020): Bolt Threads Partners With adidas, Kering, lululemon and Stella McCartney to Introduce Mylo (Pressemitteilung, Business Wire). biospace.com

[7] FashionUnited (04.07.2023): Bolt Threads reportedly pulls plug on Stella McCartney-backed Mylo. fashionunited.uk

[8] Bolt Threads, Inc.: Unternehmenswebsite (abgerufen im Oktober 2026). boltthreads.com

[9] Oleksińska-Merida et al. (2026), Materials 19(6): Bio-Based and Sustainable Alternatives to Conventional and Synthetic Leather. doi.org

[10] Ananas Anam (Herstellerangaben, abgerufen im Oktober 2026): Über uns (Herstellung), Verantwortung, FAQs.

[11] Freie Universität Bozen (21.07.2020), Pressemitteilung: Rückstände sinnvoll nutzen, Öl aus Apfelkernen. idw-online.de

[12] Circular Economy For Food, Universität für gastronomische Wissenschaften (27.02.2024): Frumat, circular economy for apple waste. circulareconomyforfood.eu

[13] Oberlandesgericht Köln, Urteil vom 04.07.2025, Az. 6 U 51/25. nrwe.justiz.nrw.de

[14] Desserto (Herstellerangaben, abgerufen im Oktober 2026): Anbau, Biobasierter Anteil, Prüfdokument ASTM D6866, FAQ, Frühphasen-Ökobilanz.

[15] FashionUnited (27.06.2022): Sustainable Apparel Coalition to pause consumer facing transparency programme following NCA report. fashionunited.uk

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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