Queeres ABC

Masking (Neurodivergenz)

Masking bei Neurodivergenz einfach erklärt: Was es ist, was Studien dazu zeigen, wer es betrifft und warum es oft aus Stigma entsteht.

7 Min. LesezeitAktualisiert am 27.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Bewusstes oder unbewusstes Verbergen neurodivergenter Merkmale, um als neurotypisch zu gelten
Auch genannt
Camouflaging (die Begriffe werden in der Forschung nicht einheitlich verwendet)
Bestandteile
Masking, Compensation und Assimilation (Modell nach Hull et al.)
Am besten erforscht
Bei autistischen Menschen, bei ADHS ist die Forschungslage dünner

Einfach erklärt

Masking, auch Camouflaging genannt, bezeichnet das bewusste oder unbewusste Verbergen neurodivergenter Merkmale, um in sozialen Situationen als neurotypisch zu gelten. Neurodivergent bedeutet, dass ein Gehirn auf eine Weise arbeitet, die von der gesellschaftlich gesetzten Norm abweicht, etwa bei Autismus oder ADHS. Am besten untersucht ist Masking bei autistischen Menschen.

Wie das aussieht, beschreiben 92 autistische Erwachsene in Interviews (Hull et al. (2017)): Sie halten ihr Stimming (selbstregulierende Bewegungen) und ihre Reaktionen auf Reizüberflutung unauffällig, erzwingen Blickkontakt, zeigen Mimik, die sie innerlich nicht empfinden, und legen sich Gesprächsverläufe vorher zurecht. Als Folgen nennen sie unter anderem Erschöpfung und eine bedrohte Selbstwahrnehmung.

Merke

Masking ist keine Charakterschwäche und keine Lüge, sondern eine Strategie, die oft aus Stigma und fehlender Akzeptanz entsteht. Sie kann Zugang zu sozialen Räumen verschaffen und zugleich viel Kraft kosten.


Ausführlich erklärt

Drei Bestandteile des Camouflagings

Hull et al. (2017) fanden zwei Techniken: Masking, das Verbergen autistischer Merkmale oder das Auftreten als nicht autistische Person, und Compensation, also Strategien, die Schwierigkeiten in sozialen Situationen aktiv ausgleichen. Daraus entwickelten Hull et al. (2019) den Fragebogen CAT-Q mit 25 Aussagen und drei Skalen: Compensation, Masking und Assimilation. Assimilation meint Strategien, um sich einzufügen und dazuzugehören. Der Fragebogen beruht auf Selbstauskunft. Lai et al. (2017) verglichen stattdessen äußeres Verhalten mit innerem Zustand, und der Review von Cook et al. (2021) mit 29 Studien versteht beide Wege als unterschiedliche, womöglich verbundene Aspekte.

Masking als Reaktion auf Stigma und Anpassungsdruck

Pearson und Rose (2021) deuten Masking als nachvollziehbare Reaktion auf das Defizit-Narrativ rund um Autismus. Schon ihr Titel spricht von der „Illusion of Choice“: Die Entscheidung zu maskieren ist weniger frei, als sie scheint. In der Befragung von Bradley et al. (2021) mit 277 autistischen Erwachsenen galt Masking als gefährlich (Erschöpfung, Isolation, Identitätsverlust, verspätete Diagnose) und zugleich als nützlich, weil es Zugang zu sozialen Räumen verschaffe und vor Schaden schütze.

Masking beschränkt sich nicht auf autistische Menschen. Miller et al. (2021) befragten 144 autistische, 49 neurodivergente (ohne Autismus-Diagnose) und 45 neurotypische Erwachsene. Alle Gruppen berichteten von Nachahmung, Erschöpfung und Entfremdung von der eigenen Identität. Das Unterdrücken von Sinnesreaktionen und Suizidgedanken infolge von Masking nannten eher die autistischen Befragten. Solches Stigma beschreibt auch der Eintrag zu Ableismus.

Masking und psychische Gesundheit: was Studien tragen

Inhaltshinweis

Dieser Abschnitt nennt Suizidalität als Teil der Forschungslage. Er darf übersprungen werden. Wer akut Unterstützung sucht, hat mehrere Wege: die Terminservicestelle und den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117, die Telefonseelsorge unter 116 123, queere Beratungsstellen oder in akuter Gefahr den Notruf 112. Nicht jeder Weg ist für alle gleich zugänglich.

Die Studienlage zeigt einen Zusammenhang, aber keinen belegten Ursachenweg. In einer Online-Befragung von Hull et al. (2021) mit 305 autistischen Erwachsenen ging mehr selbstberichtetes Camouflaging mit stärkerer Angst, sozialer Angst und Depression einher, allerdings nur in geringem Maß über autistische Merkmale und Alter hinaus, unabhängig vom Geschlecht. Das gilt für Erwachsene ohne Intelligenzminderung. Cook et al. (2021) halten die Stichproben für begrenzt repräsentativ.

Cassidy et al. (2018) fanden bei 164 autistischen Erwachsenen, dass 72 % über dem Grenzwert für Suizidrisiko lagen, in der Vergleichsgruppe 33 %. Camouflaging gehörte zu den Merkmalen, die Suizidalität statistisch vorhersagten. Bei solchen Selbstauskünften bleibt offen, ob Masking die Belastung auslöst oder ob belastete Personen mehr maskieren.

Als mögliche Folge langer Überanpassung gilt autistischer Burnout. Raymaker et al. (2020) werteten 19 Interviews und 19 öffentliche Internetquellen aus: Beschrieben wurden chronische Erschöpfung, Verlust von Fähigkeiten und geringere Reizverträglichkeit, ausgelöst durch anhaltende Belastung ohne Entlastung. Mit der Erholung verbanden die Befragten Akzeptanz, soziale Unterstützung, geringere Erwartungen und ein Vorgehen auf autistische Weise (Unmasking).

25Aussagen umfasst der Fragebogen CAT-Q mit seinen drei Skalen
29Studien wertet der Review von Cook et al. (2021) zu Camouflaging bei Autismus aus
119Mädchen im Alter von 11 bis 14 Jahren nahmen an der Studie von McKinney et al. (2024) teil

Geschlecht, Alter und späte Diagnosen

Autistische Frauen erreichten bei Hull et al. (2020) (306 autistische, 472 nicht autistische Erwachsene) höhere Camouflaging-Werte als autistische Männer, vor allem bei Masking und Assimilation. Bei nicht autistischen Erwachsenen gab es keinen Geschlechterunterschied. Lai et al. (2017) fanden mit anderer Methode bei 60 Erwachsenen ebenfalls höhere Werte bei Frauen. Folgen für die Diagnose beschreiben Bargiela et al. (2016): 14 spät diagnostizierte Frauen berichteten, sie hätten versucht, „normal“ zu wirken, und Fachpersonen hätten ihren Autismus wegen ihres Geschlechts übersehen.

Die Forschung warnt vor einer Verkürzung. Pearson und Rose (2021) argumentieren, Masking dürfe nicht mit einem „weiblichen Autismus-Phänotyp“ gleichgesetzt werden, weil das Geschlechterstereotype festschreibe. Trans Männer, nichtbinäre und andere geschlechtlich vielfältige Personen kommen in den hier herangezogenen Studien kaum gesondert vor: Bei Hull et al. (2021) waren 18 von 305 Befragten nichtbinär, zu wenige für belastbare Aussagen, bei Hull et al. (2020) ebenso. Drapalik et al. (2025) interviewten 10 autistische Jugendliche (7 weiblich, 3 geschlechtlich vielfältig) und fanden komplexe Strategien mit schädlichen Folgen für Selbstverständnis und Wohlbefinden. Daraus lässt sich folgern: Wer Masking an einem Bild vom „maskierenden Mädchen“ festmacht, kann Personen übersehen, die weder zum Bild der cis Frau noch des cis Mannes passen. Mehr zu den Begriffen steht im Eintrag zu Transidentität.

Auch das Alter spielt eine Rolle. McKinney et al. (2024) befragten 119 Mädchen von 11 bis 14 Jahren, 70 mit Diagnose (Autismus, ADHS und/oder Koordinationsstörung DCD) und 49 neurotypische. Masking und Compensation unterschieden sich nicht, bei Assimilation lagen die neurodivergenten Mädchen höher. Höhere Camouflaging-Werte sagten in beiden Gruppen stärkere Angst und Depression voraus.

Masking beschreibt, wie viel Anpassungsarbeit ein Umfeld von den Personen verlangt, die von der Norm abweichen.

Kerngedanke

Was für ADHS belegt ist

Für ADHS ist die Forschung dünner. Maeda et al. (2026) beschreiben Masking bei ADHS als mögliche Reaktion auf Stigma und halten die Studienlage für begrenzt. In der Befragung von Wurth et al. (2025) (803 Erwachsene mit ADHS, 158 mit Autismus, 95 mit beidem) wurde Masking häufig berichtet und hing vom Kontext ab. Ob Mädchen und Frauen mit ADHS stärker maskieren als Jungen und Männer, ist durch diese Studien nicht belegt.

Was der Begriff nicht sagt

Masking ist ein Verhalten, kein Krankheitsbild und kein Diagnosekriterium. Studienzahlen beschreiben Gruppen, nicht einzelne Personen. Nicht jede Anpassung ist Masking, und Miller et al. (2021) zeigen, dass auch neurotypische Personen Ähnliches erleben. Der Begriff beschreibt eine Anpassungsleistung unter Druck, keinen Betrug.

Was Umgebungen verändern können

Die folgenden Ansatzpunkte ergeben sich aus berichteten Erfahrungen, ihre Wirkung ist nicht systematisch geprüft: Akzeptanz, Unterstützung und geringere Erwartungen, Raum für Stimming, Hilfsmittel und Pausen sowie geschulte Fachpersonen, die Autismus auch bei Mädchen und Frauen erkennen (Bargiela et al. (2016)). Da Neurodivergenz oft unsichtbar bleibt, gehört das Thema auch zur unsichtbaren Behinderung.

Quellen: Hull et al. (2017), JADD 47 / Hull et al. (2019), JADD 49 / Hull et al. (2020), Autism 24 / Hull et al. (2021), Molecular Autism 12 / Cook et al. (2021), Clinical Psychology Review 89 / Lai et al. (2017), Autism 21 / Cassidy et al. (2018), Molecular Autism 9 / Raymaker et al. (2020), Autism in Adulthood 2 / Bargiela et al. (2016), JADD 46 / Pearson und Rose (2021), Autism in Adulthood 3 / Miller et al. (2021), Autism in Adulthood 3 / Bradley et al. (2021), Autism in Adulthood 3 / McKinney et al. (2024), JCPP Advances 5 / Drapalik et al. (2025), Autism / Wurth et al. (2025), Frontiers in Psychiatry 16 / Maeda et al. (2026), Frontiers in Psychology

Mehr zu den Folgen im Alltag steht im Blogartikel Was Masking wirklich kostet.


Das könnte dich auch interessieren

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

Teilen

Weitere Bereiche

Blog, Demonstrationen und Shop auf einen Blick

Aus dem Blog

Vor Ort

Aus dem Shop
"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print - Organic Basic Hoodie

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print – Organic Basic Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print - Organic Tank Top

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print – Organic Tank Top

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Gym-Bag

"Math Rainbow" Front Print – Organic Gym-Bag

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Zipper

"Math Rainbow" Front Print – Organic Zipper

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print - Organic Oversize Shirt

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Front Print – Organic Oversize Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

Vertrag widerrufen