Meeresschildkröten erholen sich: Eine Erfolgsgeschichte mitten in der Plastikkrise

Eine der bekanntesten Meeresschildkröten-Arten der Welt gilt seit Oktober 2025 nicht mehr als gefährdet. Die Weltnaturschutzunion IUCN stufte die Grüne Meeresschildkröte auf ihrer Roten Liste gleich um drei Kategorien herab: von „gefährdet“ zu „nicht gefährdet“.[¹] Ein Ergebnis, an das vor wenigen Jahrzehnten kaum jemand geglaubt hätte.

Der Grund zum Feiern ist echt, er ist aber auch ein guter Anlass, genauer hinzuschauen. Denn während sich eine Art erholt, bleibt Plastik für Meeresschildkröten insgesamt eine der größten Gefahren überhaupt. Dieser Artikel zeigt, wie die Erholung gelingen konnte, wie groß das Plastikproblem in den Ozeanen tatsächlich ist, und welche Organisationen sich gerade für die übrigen Arten einsetzen.

Transparenz-Hinweis: Ein Teil der Zahlen in diesem Artikel stammt von Umweltschutzorganisationen wie WWF, der Deutschen Stiftung Meeresschutz und OceanCare, die sich selbst aktiv für den Schutz der Meere einsetzen. Sie decken sich mit der offiziellen Einstufung der Weltnaturschutzunion IUCN.

Meeresschildkröten schreiben Artenschutz-Geschichte

Ausschlaggebend für die Neueinstufung war vor allem die Entwicklung im Nordatlantik: Dort ist der Bestand der Grünen Meeresschildkröte seit den 1980er Jahren um mehr als 130 Prozent gewachsen.[¹] Als Gründe nennt der WWF den Schutz von Nistplätzen, den Kampf gegen illegalen Handel sowie technische Vorrichtungen in Fischernetzen, durch die Meeresschildkröten entkommen können.[²] Möglich wurde diese Entwicklung auch durch das internationale Handelsverbot für Meeresschildkröten und ihre Produkte, das 1988 in Kraft trat.[¹]

Von den sieben weltweit existierenden Meeresschildkröten-Arten galt bislang der Großteil als gefährdet oder vom Aussterben bedroht.[³][⁴] Nach der Neueinstufung ist die Grüne Meeresschildkröte die erste Ausnahme. Die übrigen Arten bleiben laut WWF weiterhin größtenteils gefährdet.[²]

Plastik: Die unterschätzte Gefahr im Wasser

Trotz des Erfolgs bleibt Plastik die größte Alltagsgefahr für Meeresschildkröten. Laut WWF sind 30 bis 40 Prozent aller sieben Arten von Plastikmüll betroffen. In manchen Regionen hatte bereits jede zweite untersuchte Unechte Karettschildkröte Plastikteile im Magen. Vor der Küste Brasiliens tragen sogar 90 Prozent der untersuchten Grünen Meeresschildkröten Plastik in sich.[³]

Wie gefährlich das ist, zeigen Schwellenwerte aus der Forschung: Schon 14 verschluckte Plastikteile erhöhen das Sterberisiko einer Schildkröte auf 50 Prozent, ab etwa 200 Teilen gilt der Tod als so gut wie sicher.[³] Ein Grund dafür ist eine folgenschwere Verwechslung: Treibende Plastiktüten sehen im Wasser Quallen zum Verwechseln ähnlich, der Hauptnahrung vieler Meeresschildkröten-Arten. Auch Luftballons werden immer wieder mit Quallen verwechselt und verschluckt.[⁵] Einmal im Magen, können scharfkantige Plastikteile die empfindliche Darmwand verletzen oder den Verdauungstrakt blockieren.[³] Größeres Plastik zerfällt im Meer zudem über Jahre zu Mikroplastik, das noch mehr Meerestieren schadet. Ein großer Teil davon stammt ursprünglich aus Einwegplastik wie Tüten, Flaschen und Verpackungen.

Geisternetze: Die tödliche Falle aus verlorenen Fischernetzen

Neben sichtbarem Plastikmüll gibt es eine stillere, aber ebenso tödliche Gefahr: sogenannte Geisternetze, verlorene oder achtlos zurückgelassene Fischernetze, die noch jahrelang im Meer weiterfischen. Laut der Organisation OceanCare verenden jedes Jahr tausende Meeresschildkröten in solchen Netzen.[⁴] Die Deutsche Stiftung Meeresschutz beziffert allein die Zahl der Todesfälle durch verlorene oder weggeworfene Angelschnüre auf mehrere hundert Tiere pro Jahr.[⁵]

Das trifft eine Tiergruppe, die es sich am wenigsten leisten kann: Von tausend geschlüpften Meeresschildkröten erreicht im Schnitt nur eine einzige das Erwachsenenalter.[⁴] Jedes ausgewachsene Tier, das in einem Netz verendet, wiegt entsprechend schwer für den Bestand einer Population.

Was sich gerade bewegt: Schutzprojekte, die wirken

Der Erfolg bei der Grünen Meeresschildkröte zeigt: Gezielter Artenschutz wirkt, auch wenn er Jahrzehnte braucht. Mehrere Organisationen setzen genau dort an, wo es aktuell am nötigsten ist. Die Deutsche Stiftung Meeresschutz fördert unter anderem Artenschutzhunde, die auf den Kapverdischen Inseln Nester der Unechten Karettschildkröte aufspüren, ein Schutzprojekt für Grüne Meeresschildkröten im Mittelmeer sowie den Schutz von Lederschildkröten auf der indonesischen Insel Sipora.[⁵]

International hat OceanCare gemeinsam mit Partnerorganisationen die Sea Turtle Rescue Alliance mitgegründet. Sie organisiert Bergungsaktionen für Geisternetze, setzt sich für die Kennzeichnung von Fischereigeräten ein und rüstet ein weltweites Netzwerk aus Tierärzt*innen mit Wissen und Material aus, um verletzte Meeresschildkröten zu versorgen.[⁴]

Wer den Schutz von Meeresschildkröten unterstützen möchte, kann bei der Deutschen Stiftung Meeresschutz eine Tierpatenschaft übernehmen oder sich an einer Strandsäuberung beteiligen.[⁵] Auch kleine Entscheidungen im Alltag helfen: Wer bei Feiern auf Luftballons verzichtet, verhindert, dass sie im Meer landen und dort mit Quallen verwechselt werden.[⁵]

Quellen

[¹] Deutsche Stiftung Meeresschutz (2025): Grüne Meeresschildkröte: nicht mehr gefährdet
[²] WWF Deutschland (2025): Pressestatement zur Aktualisierung der Roten Liste der IUCN
[³] WWF Deutschland: Wie Plastikmüll sich auf die Vielfalt der Meerestiere auswirkt
[⁴] OceanCare: Meeresschildkröten schützen, Sea Turtle Rescue Alliance
[⁵] Deutsche Stiftung Meeresschutz: Meeresschildkröten helfen


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