- Tätigkeit
- Nähen und Fertigen von Kleidung, meist in Fabriken für den Export
- Schwerpunkt
- Bangladesch, nach China der größte Bekleidungsproduzent der Welt
- Frauenanteil
- je nach Quelle rund 53 bis 80 Prozent der Beschäftigten der Branche
- Kernproblem
- Löhne unter dem Existenzniveau, Überstunden, Gewalt, kaum Interessenvertretung
- Zugehörig zu
- Fast Fashion und globalen Lieferketten
Einfach erklärt
Näherinnen sind die Frauen, die Kleidung in Fabriken nähen und fertigen. Der Begriff steht vor allem für die Beschäftigten der Bekleidungsindustrie in Ländern wie Bangladesch, Indien oder Vietnam. Dort entsteht ein großer Teil der Kleidung, die in Europa und den USA verkauft wird. Wie viele Frauen es sind, hängt von der Quelle ab: FEMNET nennt für Bangladesch rund 3 bis 4,5 Millionen Beschäftigte, davon gut die Hälfte Frauen. Laut der ILO nennt der Fabrikverband BGMEA für seine Mitgliedsbetriebe 80 Prozent Frauenanteil.
Die Branche trägt die Wirtschaft des Landes: Laut FEMNET stammen mehr als 80 Prozent der Exporterlöse Bangladeschs aus dem Textilsektor. Bei den Frauen, die diese Leistung erbringen, kommt davon wenig an. Der gesetzliche Mindestlohn für Bekleidungsarbeit liegt seit Dezember 2023 bei 12.500 Taka im Monat, nach FEMNET rund 89 Euro. Die Asia Floor Wage Alliance, ein Bündnis von Gewerkschaften und Arbeitsrechtsorganisationen, berechnet für Bangladesch einen existenzsichernden Lohn von rund 53.800 Taka. Das ist etwa das 4,3-Fache des Mindestlohns.
Ausführlich erklärt
Wer in den Fabriken arbeitet
Die ILO (Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen) hat 2018 gemeinsam mit UN Women eine Studie in Bangladeschs Bekleidungsindustrie durchgeführt, mit einer Befragung von 553 Beschäftigten und 260 Fabriken. Danach sind über 70 Prozent der Beschäftigten höchstens 29 Jahre alt, und für die meisten Beschäftigten, besonders für Frauen, ist der Fabrikjob die erste Arbeit im formellen Sektor. Rund drei Viertel der Frauen sind verheiratet. Der Frauenanteil lag in den befragten Betrieben 2018 bei 60,5 Prozent, nach 63,4 Prozent im Jahr 2010. FEMNET beschreibt, dass viele Näherinnen junge Frauen aus ländlichen Gebieten sind, die wegen geringer Schulbildung und fehlender Arbeit vor Ort in die Städte ziehen, oft als Alleinernährerin.
Die ILO hält außerdem fest, dass Frauen sich in schlecht bezahlten Einstiegspositionen häufen. Nur rund 9 Prozent der Führungs- und Aufsichtsstellen in den untersuchten Betrieben waren 2018 mit Frauen besetzt, daran hatte sich seit 2010 nichts geändert. Laut einer Auswertung von Better Work, auf die sich die ILO beruft, waren 95 Prozent der Linienvorgesetzten Männer.
Löhne: Mindestlohn und Existenzlohn
Der Begriff Existenzlohn meint einen Lohn, von dem eine Familie Nahrung, Wohnung, Gesundheit und Bildung bezahlen kann. Die Gewerkschaften forderten 2023 laut FEMNET 23.000 Taka Mindestlohn, durchgesetzt wurden 12.500 Taka. Die Asia Floor Wage Alliance gibt in ihrer Berechnung von 2024 für Bangladesch einen Existenzlohn von 53.828,97 Taka im Monat an. Zu bedenken ist, dass diese Zahl von einem gewerkschaftsnahen Bündnis stammt und die Berechnung auf einer eigenen Verbrauchsbefragung beruht. Der Abstand zum Mindestlohn bleibt auch bei anderen Berechnungsweisen groß.
Auch der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist je nach Messung verschieden. FEMNET schreibt, Frauen verdienten monatlich rund 25 Prozent weniger als ihre Kollegen. Dieselbe Seite nennt für einen regulären Monat ohne Überstunden 9.669 Taka für Frauen und 10.928 Taka für Männer. Das ergibt einen Abstand von gut 11 Prozent (eigene Rechnung). Wie sich die beiden Werte erklären, benennt die Quelle nicht. Belegt ist in beiden Fällen: Frauen verdienen weniger.
Überstunden und lange Tage
Garment Workers Diaries befragt wöchentlich ein Panel von etwa 1.300 Beschäftigten. In einer Befragungsrunde des Jahres 2022 mit 1.066 arbeitenden Personen, darunter 784 Frauen, sagten 69 Prozent, sie hätten keine Wahl, ob sie Überstunden machen. Etwa die Hälfte von ihnen müsse mit einer Strafe rechnen, wenn sie ablehnt, meist mit einer mündlichen Rüge. Im Dezember 2021 arbeiteten 50 Prozent der befragten Frauen und 53 Prozent der Männer mehr Stunden, als das Gesetz erlaubt.
Dazu kommt die unbezahlte Arbeit zu Hause. Die ILO-Studie rechnet Fabrik und Haushalt zusammen: Frauen kommen auf Arbeitstage von 14,1 Stunden, Männer auf 12,9 Stunden. Manche Frauen berichteten, sie müssten früher aufstehen, weil sie keinen eigenen Herd und keine eigene Toilette haben und sich mit anderen eine Küche und Sanitäranlagen teilen.
Gewalt, Belästigung und Schwangerschaft
Inhaltshinweis
Dieser Abschnitt beschreibt sexualisierte Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz.
ActionAid befragte 2019 in Dhaka 200 Beschäftigte von Bekleidungsfabriken, darunter 181 Frauen. 80 Prozent sagten, sie hätten sexuelle Belästigung oder Missbrauch bei der Arbeit selbst erlebt oder miterlebt. Zehn Prozent der befragten Frauen gaben an, aktuell betroffen zu sein. Die Stichprobe ist klein und auf eine Stadt begrenzt. Die Zahl wird oft für ganz Bangladesch zitiert, das trägt die Stichprobe nicht. Sie ist ein Hinweis und kein repräsentativer Wert für alle Fabriken.
Die ILO fand in ihrer Studie, dass nur Frauen sexuelle Belästigung angaben. Verbale Erniedrigung wie wiederholtes Anschreien erlebten 60 Prozent der Männer und Frauen. Die meisten Betriebe hätten keine Regeln und Stellen, an die sich Betroffene wenden können. Schwangerschaft ist laut ILO der wichtigste Grund, warum Frauen die Branche verlassen. In den Fokusgruppen verließen acht von 40 befragten Frauen die Fabrik aus Angst vor einer Fehlgeburt. Vorgesetzte setzten Schwangere teils unter Druck, selbst zu kündigen. Nach einer von der ILO zitierten Prüfung von Better Work halten 42 Prozent der Fabriken Regeln zu bezahltem Urlaub nicht ein, auch Krankheits- und Mutterschutzurlaub.
Gewerkschaften und das Recht
Nach einer vom Bangladesh Institute of Labour Studies (BILS) durchgeführten und von FEMNET zitierten Studie haben 83 Prozent der Fabriken keine Gewerkschaft. Nur acht Prozent der befragten Beschäftigten gaben an, in einer Gewerkschaft aktiv zu sein, als Gründe nennt die Studie Drohungen, mögliche Bestrafung und Angst vor Vergeltung. Wer sich organisieren will, riskiert also viel. Das Business & Human Rights Resource Centre befragte 2022 in Bangladesch, Kambodscha, Indien, Indonesien und Sri Lanka 24 Gewerkschaftsführende sowie 124 Aktive. 61 Prozent sagten, die Lage für Vereinigungsfreiheit und Tarifverhandlungen habe sich seit der Pandemie verschlechtert. Die Zahl gilt für die ganze Region, nicht nur für Bangladesch.
Laut FEMNET ist die Rechtslage auf dem Papier nicht schlecht: Das Arbeitsgesetz von 2006 regelt unter anderem Belästigung und Diskriminierung. Das Problem sei vor allem, dass Behörden Recht nicht durchsetzen und Betroffene kaum wirksamen Rechtsschutz haben.
Rana Plaza, Tazreen und was seitdem geschah
Am 24. April 2013 stürzte in Bangladesch das Gebäude Rana Plaza ein, in dem fünf Textilfabriken produzierten. Nach FEMNET starben 1.134 Näherinnen und Näher, mehr als 2.500 Menschen wurden verletzt. Nur fünf Monate zuvor kamen mindestens 112 Beschäftigte beim Brand der Tazreen-Fabrik ums Leben, eingeschlossen in der brennenden Fabrik. Nach der Katastrophe unterzeichneten laut FEMNET nahezu 200 überwiegend europäische Unternehmen das Bangladesh-Abkommen (Accord) zu Brandschutz und Gebäudesicherheit. Die ILO nennt Fortschritte bei Sicherheitsstandards wie Fluchtwegen und Brandschutz seit Rana Plaza und sieht darin einen Hinweis, dass Verbesserungen mit starken Vorgaben und Kontrolle möglich sind. Bei Löhnen, Gewaltschutz und Mitbestimmung beschreiben die oben genannten Quellen weiterhin große Lücken.
Einordnung: Wen die Daten sehen
Einordnung
Die hier genannten Studien unterscheiden zwischen Frauen und Männern. Trans, inter und nichtbinäre Beschäftigte kommen in diesen Quellen nicht vor. Wie sie in der Branche erfasst werden, ist hier nicht belegt. Zudem verbindet sich Geschlecht hier mit Armut, Alter und der Herkunft vom Land, ein Beispiel für Intersektionalität. Einige Quellen sind Organisationen mit klarer Position: FEMNET, ActionAid und die Asia Floor Wage Alliance setzen sich für höhere Löhne ein, der Verband BGMEA vertritt die Fabriken. Deshalb stehen die Quellen im Text.
Sichere Gebäude sind nur ein Teil guter Arbeit: Lohn, Schutz vor Gewalt und Mitsprache gehören dazu.
Kerngedanke
Quellen: FEMNET e.V.: Im Profil, Bangladeschs Bekleidungsindustrie / ILO und UN Women (2020): Issue Brief, Understanding the Gender Composition and Experience of Ready-Made Garment (RMG) Workers in Bangladesh / Garment Workers Diaries (2022): Excess Work Hours / ActionAid (2019): 80% of garment workers in Bangladesh have experienced or witnessed sexual violence and harassment at work / Asia Floor Wage Alliance: Calculating a Living Wage (Stand 2024) / Business & Human Rights Resource Centre (2022): Crackdown on trade unions leads to increased worker exploitation in Asia’s garment sector
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