Nachhaltigkeit

Kantamanto Market

Der Kantamanto Market in Accra ist ein riesiger Secondhand-Kleidermarkt. Geschäftsmodell, Textilabfall, Brand 2025 und die Frage, wer zahlt.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 16.10.2026
Auf einen Blick

Ort
Accra, Ghana, im Stadtzentrum
Art
Secondhand-Kleidermarkt mit Reparatur- und Upcycling-Wirtschaft
Größe
rund 18 Acres (etwa 7 Hektar), rund 30.000 Beschäftigte (Angaben der Or Foundation)
Warenstrom
etwa 15 Millionen Kleidungsstücke pro Woche (Schätzung der Or Foundation)
Einschnitt
Großbrand am 1. Januar 2025, rund 60 % des Marktes zerstört
Streitfrage
Wer zahlt für die Textilabfälle, die aus dem Globalen Norden kommen?

Einfach erklärt

Der Kantamanto Market liegt im Zentrum von Accra, der Hauptstadt Ghanas, und gilt als einer der größten Secondhand-Kleidermärkte der Welt. Die Kleidung kommt in Ballen von mindestens 55 Kilogramm aus dem Globalen Norden an, vor allem aus Europa und Nordamerika. Sie wird dort nicht gespendet, sondern von Händlerinnen und Händlern gekauft. Welche Stücke sich verkaufen lassen, zeigt sich erst nach dem Öffnen eines Ballens. Das Risiko liegt damit bei den Menschen auf dem Markt.

Ein Teil der Ware wird verkauft, repariert oder zu neuer Mode umgenäht. Ein anderer Teil ist nicht mehr zu gebrauchen. Die Or Foundation, eine Organisation mit Sitz in Accra, schätzt nach eigener Forschung, dass rund 40 % eines durchschnittlichen Ballens den Markt als Abfall wieder verlassen. Das belastet die Verkaufenden finanziell und die Umgebung ökologisch.

Am 1. Januar 2025 zerstörte ein Großbrand nach Angaben der Or Foundation rund 60 % des Marktes. Der Fall steht deshalb für zwei Fragen zugleich: Wie sichern Menschen ihr Einkommen in einem globalen Abfallstrom, und wer trägt die Kosten für die Kleidung, die in Europa und anderswo zu viel produziert wird?

Merke

Kantamanto ist weder bloße Müllhalde noch Spendenstelle, sondern ein Markt mit Kaufpreisen, Schulden und Risiko.

15 Mio.Kleidungsstücke erreichen den Markt pro Woche (Schätzung der Or Foundation)
40 %eines durchschnittlichen Ballens verlassen den Markt laut Or Foundation als Abfall
60 %des Marktes zerstörte der Brand vom 1. Januar 2025 laut Or Foundation

Ausführlich erklärt

Ein Markt als Knotenpunkt

Laut Wikipedia entstand der Markt in den 1990er Jahren im Zentrum von Accra und ist Teil der informellen Wirtschaft der Stadt, also der Erwerbsarbeit ohne feste Verträge und ohne Absicherung. Nach dem Fire Relief Report der Or Foundation arbeiten dort rund 30.000 Menschen: Verkaufende, die Ballen öffnen und die Ware weiterverkaufen, Schneiderinnen und Schneider, die Kleidung anpassen und reparieren, Upcycling-Schaffende und viele weitere, die den Markt am Laufen halten. Dazu zählen auch die Kayayei, junge Frauen, die Ballen auf dem Kopf durch den Markt tragen.

Die Zahl von 15 Millionen Stücken pro Woche ist eine Rechnung der Or Foundation. Sie geht von mehr als 150 Millionen Kilogramm gebrauchter Kleidung aus, die Ghana pro Jahr einführt (Daten der Vereinten Nationen, 2021), und von 5,25 Stück pro Kilogramm. Zum Vergleich: Im Anhang desselben Papiers weist die Or Foundation für Deutschland 2021 einen Netto-Export von rund 436.000 Tonnen gebrauchter Textilien aus, nach den USA der zweithöchste Wert unter den aufgeführten Ländern. Wohin genau welche Ladung geht, sagen diese Zahlen nicht.

Das Geschäft mit dem Ballen

Die Or Foundation rechnet für einen typischen Verkaufenden mit rund 451 US-Dollar Wochenausgaben, darunter der Ballen selbst, Transport, Standmiete, Strom, Lagerung, Essen und Wohnen. Bei einem Ballen mit 285 Stücken sind das rund 1,58 US-Dollar je Kleidungsstück, bevor der Ballen überhaupt geöffnet wurde. Schon 2015 klagten Verkaufende laut dem Fire Relief Report, dass bei vielen Teilen eines Ballens die Handhabung mehr koste, als der Verkauf einbringe. Dann bleibt kaum Geld für Reparatur oder Aufwertung, und mehr Ware endet als Abfall.

Die Kayayei tragen Ballen von 55 Kilogramm. Die Or Foundation hat die Folgen in einer eigenen chiropraktischen Studie untersucht und beschreibt unumkehrbare Schäden an der Wirbelsäule. Sie dokumentierte dabei auch Mädchen ab neun Jahren. Aus dieser Arbeit entstand ein Ausbildungsprogramm für junge Frauen, das Alternativen zum Kopftransport eröffnen soll.

Abfall und Umwelt in Accra

Die 40 % Abfall je Ballen stammen aus einer sechsjährigen Untersuchung der Or Foundation mit Beobachtung, Befragungen und Abfallanalysen. Das Papier von 2023 gibt an, dass die Stadtverwaltung von Accra jährlich etwa 500.000 US-Dollar für Sammlung und Entsorgung ausgibt, aber nur rund 70 % des Abfalls bewältigen kann. Der Rest werde verbrannt oder lande in Gewässern. Ein Monitoring-Team zählte entlang von sieben Kilometern Küste im Lauf eines Jahres 2.344 Textilknäuel.

Seit 2022 bezahlt die Or Foundation nach eigenen Angaben mehr als 30 Menschen, die Textilabfall auf dem Markt sammeln. Ein Müllwagen bringt ihn zu einer genehmigten Deponie. Eine weitere Gruppe holt laut der Organisation wöchentlich über 18 Tonnen Textilien und Plastik von Stränden. Die Finanzierung der Sammlung stammt laut Update vom Juli 2024 aus dem SHEIN EPR Fund, also von einem Modeunternehmen.

Upcycling und Reparatur

Kantamanto ist nicht nur Abfallendpunkt. Nach dem Fire Relief Report stellen Remanufacturer, also Betriebe, die aus Altkleidung neue Stücke fertigen, täglich Hunderte umgearbeitete Teile für lokale und regionale Läden her. Die Or Foundation unterstützt Upcycling-Betriebe mit Weiterbildung und Startkapital und richtet seit Oktober 2022 das Festival Obroni Wawu October aus, das den Markt feiert. Mehr zu diesem Prinzip steht im Eintrag Upcycling. Das Bild vom reinen Müllberg greift deshalb zu kurz.

Der Brand vom 1. Januar 2025

Inhaltshinweis

Dieser Abschnitt erwähnt Todesfälle und gesundheitliche Folgen.

Am 1. Januar 2025 brannte der Markt, dessen vorderer Teil überwiegend aus Holz gebaut war. Nach dem Fire Relief Report fehlten Feuerwehrzufahrten, und es gab keine funktionierenden Hydranten. Die Feuerwehr musste ihre Tanklaster teils mehr als einen Kilometer entfernt auffüllen. Rund 7.000 Stände wurden zerstört, etwa 60 % des Marktes. Die Or Foundation schätzt die Zahl der direkt Betroffenen auf rund 10.000. Wikipedia spricht dagegen von Hunderten verdrängten Händlern. Zwei Menschen starben unmittelbar durch das Feuer. Eine offizielle Brandursache steht laut dem Bericht nicht fest. Als plausibel galten fehlerhafte Elektrik oder offenes Feuer.

Nur 1,3 % der Marktangehörigen hatten eine Versicherung für ihr Eigentum. Die Or Foundation sagte am 3. Januar 2025 eine Million US-Dollar Nothilfe zu. Bis Ende Oktober 2025 gab sie nach eigenen Angaben 2,95 Millionen US-Dollar aus. Die öffentliche Spendenaktion erbrachte 465.500 US-Dollar. Zwei Monate nach dem Brand zeigten 57 von 77 untersuchten Marktmitgliedern, also 74 %, eine eingeschränkte Lungenfunktion. Die Organisation führt das nur als Richtung auf Rauch und Staub zurück. Bis Oktober 2025 wurden 6.913 wieder aufgebaute Stände mit zertifizierten Leitungen neu verkabelt. Spenden aus der Modebranche blieben laut dem Bericht hinter dem Bedarf zurück, auch weil der Markt nicht als Teil ihrer Lieferketten gilt. Auf das Wort Resilienz verzichtet die Organisation inzwischen, weil es von marginalisierten Gruppen verlange, Notlagen still zu ertragen.

Wer soll zahlen? Herstellerverantwortung

Die Or Foundation fordert eine erweiterte Herstellerverantwortung (englisch Extended Producer Responsibility, EPR). Sie bedeutet, dass Hersteller nicht nur Produkte verkaufen, sondern auch für deren Entsorgung zahlen. Im Papier „Stop Waste Colonialism“ vom 14. Februar 2023 verlangt sie drei Dinge: Gebühren, die die tatsächlichen Abfallkosten abbilden, mindestens 0,50 US-Dollar je neu produziertem Kleidungsstück, Zahlungen auch in Empfängerländer wie Ghana sowie öffentliche Angaben zu Produktionsmengen. Den Begriff „Waste Colonialism“, Abfallkolonialismus, führt die Kampagne auf Debatten afrikanischer Staaten beim Basler Übereinkommen von 1989 zurück. Er verweist auf Kolonialismus und auf die ungleiche Verteilung von Umweltlasten, die der Eintrag Umweltgerechtigkeit beschreibt.

In der EU ist die Richtlinie (EU) 2025/1892 seit dem 16. Oktober 2025 in Kraft, dem 20. Tag nach der Veröffentlichung vom 26. September. Sie verpflichtet die Mitgliedstaaten, Herstellerverantwortung für Textilien einzuführen, Umsetzung bis zum 17. Juni 2027. Artikel 22a Absatz 8 Buchstabe a nennt als Kosten für Hersteller die Sammlung, Beförderung, Sortierung, Vorbereitung zur Wiederverwendung, das Recycling und die Beseitigung der gesammelten Textilien. Zahlungen an Empfängerländer erwähnt dieser Buchstabe nicht. Nach Erwägungsgrund 50 sollen die zuständigen Organisationen über Exporte berichten. Die Or Foundation hatte schon den Kommissionsvorschlag vom 5. Juli 2023 kritisiert: Sortieren in der EU beseitige Abfall nicht, und Gelder müssten dorthin fließen, wo die Kleidung am Ende liegt.

Zur Datenlage

Fast alle Zahlen in diesem Eintrag stammen von der Or Foundation. Sie arbeitet vor Ort, legt ihre Methoden offen und führt zugleich eine Kampagne. Die 40 % Abfall je Ballen und die Zahlen zum Brand konnten für diesen Eintrag nicht unabhängig geprüft werden. Importeure und ihre Verbände, etwa die Ghana Used Clothes Dealers Association, kommen in den ausgewerteten Quellen nur am Rande vor.

Was bleibt für den Alltag in Deutschland? Gebrauchte Kleidung in einen Container zu geben, beendet ihren Weg nicht. Der Eintrag Fast Fashion erklärt, warum zu viel produziert wird, die Einträge Mitumba und Textilmüllwüste Atacama zeigen ähnliche Orte in Ostafrika und Südamerika.

Quellen: The Or Foundation: Work (Programme in Accra) / The Or Foundation (03.01.2025): Pressemitteilung zum Brand / The Or Foundation (11/2025): Unity Forward, Fire Relief Report / The Or Foundation (14.02.2023): Stop Waste Colonialism, Position Paper / The Or Foundation (11.07.2023): Stellungnahme zum EU-Vorschlag / The Or Foundation (29.07.2024): Kanta Keepers / Richtlinie (EU) 2025/1892 zur Änderung der Richtlinie 2008/98/EG über Abfälle, Amtsblatt vom 26.09.2025 / Wikipedia: Kantamanto Market (Einordnung, Gründung)

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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