- Die Arktis erwärmte sich von 1979 bis 2021 fast viermal so schnell wie die Erde im Mittel, einzelne Meeresgebiete bis zum Siebenfachen.
- Nach einer Modellstudie tragen Temperatur-Rückkopplungen am meisten zur arktischen Verstärkung bei, die Eis-Albedo-Rückkopplung folgt an zweiter Stelle.
- Die Antarktis ist ein Kontinent unter einem Eisschild, umströmt vom stärksten Meeresstrom der Erde. Ihre Erwärmung ist sehr ungleich verteilt: stark am Südpol, schwach im Mittel.
- Das antarktische Meereis liegt seit 2016 häufig auf Rekordtiefs, der Eisschild verliert seit Jahrzehnten Masse.
Zwei Pole, ein Klimawandel, aber zwei völlig unterschiedliche Geschichten: Zwischen 1979 und 2021 erwärmte sich die Arktis um 0,73 Grad pro Jahrzehnt, die Erde im Mittel um 0,19 Grad. Das ist fast das Vierfache.[1] Die Antarktis liefert dagegen kein einheitliches Bild: Am Südpol stieg die Temperatur zwischen 1989 und 2018 um 1,83 Grad, im Mittel von 20 Stationen auf dem Kontinent aber nur um 0,26 Grad.[2]
Die Antwort liegt vor allem in der Geografie: im Norden ein Ozean, im Süden ein Kontinent. Dazu kommen Rückkopplungen, Meeresströmungen und viel natürliche Schwankung. Dieser Artikel ordnet ein, was gut belegt ist und was die Forschung selbst noch nicht erklären kann. Die Daten reichen bis Oktober 2026.
Die Arktis erwärmt sich fast viermal so schnell
Ein Team um Mika Rantanen vom Finnischen Meteorologischen Institut wertete vier Beobachtungsdatensätze aus. Ergebnis: Nördlich des Polarkreises stieg die Temperatur zwischen 1979 und 2021 um 0,73 Grad pro Jahrzehnt, global um 0,19 Grad. Das entspricht dem 3,8-Fachen.[1] Die oft genannte Faustregel, die Arktis erwärme sich doppelt so schnell, nennt die Studie für die vergangenen 43 Jahre eine klare Unterschätzung.[1]
Der Wert hängt von der Abgrenzung ab. Wird die Arktis erst ab 60 Grad Nord gerechnet, sinkt das Verhältnis auf 3,2, weil dann mehr Landfläche ohne Meereis-Rückkopplung mitzählt.[1] Regional liegt es höher: Rund um Nowaja Semlja, einer russischen Inselgruppe im Arktischen Ozean, erwärmten sich einzelne Meeresgebiete bis zum Siebenfachen des globalen Mittels. Die Studie führt das vor allem auf den Rückgang des winterlichen Eises in der Barentssee zurück.[1]
Mehr als ein Spiegel: Warum die Arktis so stark reagiert
Die bekannteste Erklärung ist die Eis-Albedo-Rückkopplung: Helles Eis reflektiert Sonnenlicht, offenes Wasser nimmt es auf. Ohne Eisbedeckung sinkt das Reflexionsvermögen, die Oberfläche absorbiert mehr Strahlung und erwärmt sich weiter, wodurch noch mehr Eis schmilzt.[3]
Allein erklärt dieser Mechanismus die Verstärkung aber nicht. Eine Auswertung von Klimamodellen kam zu einem überraschenden Ergebnis: Den größten Beitrag liefern Temperatur-Rückkopplungen. Wenn sich die Oberfläche erwärmt, strahlt die Erde in niedrigen Breiten mehr zusätzliche Energie ins All ab als in der Arktis. Das liegt an der unterschiedlichen vertikalen Struktur der Erwärmung und daran, dass kältere Flächen pro Grad weniger Wärmestrahlung zulegen. Die Albedo-Rückkopplung steht in dieser Studie an zweiter Stelle, alle weiteren Beiträge sind deutlich kleiner.[4]
Dazu kommt natürliche Schwankung. Rantanen und Team verweisen auf eine frühere Studie, nach der bis zu 50 Prozent des Meereisrückgangs der vergangenen Jahrzehnte auf natürliche Schwankungen im Klimasystem zurückgehen können.[1] Zugleich ist der beobachtete Wert in den Klimamodellen eine extrem seltene Ausnahme. Entweder war er ein äußerst unwahrscheinliches Ereignis, oder die Modelle unterschätzen die Verstärkung systematisch.[1]
Einordnung der Zahlen
Alle Zahlen zur Arktis-Erwärmung hängen davon ab, welche Fläche als Arktis gilt und welcher Zeitraum gewählt wird. Rantanen und Team rechnen ab dem Polarkreis und ab 1979, dem Beginn der Satellitenbeobachtung. Die Datenlage über dem eisbedeckten Ozean ist dünn, und der Wert ist in Klimamodellen eine extrem seltene Ausnahme. Es ist also offen, ob die Modelle die Verstärkung systematisch unterschätzen oder ob natürliche Schwankungen sie zeitweise verstärkt haben.
Arktisches Meereis: dünner, jünger, knapp über dem Rekord
Am 12. September 2026 erreichte das arktische Meereis sein Jahresminimum von 4,60 Millionen Quadratkilometern. Das ist Platz 10 in fast 48 Jahren Satellitenbeobachtung, gleichauf mit 2008, 2010 und 2025. Die 20 niedrigsten Minima stammen alle aus den vergangenen 20 Jahren, der Rekord liegt bei 3,39 Millionen Quadratkilometern (2012).[5] Im März 2025 lag sogar das Jahresmaximum so niedrig wie nie zuvor in der 47-jährigen Satellitenreihe.[6]
Der Sommer 2026 war über dem Arktischen Ozean kühl und stürmisch, obwohl die globalen Lufttemperaturen im Juni, Juli und August auf oder nahe Rekordniveau lagen.[7] Ein einzelner Sommer sagt deshalb wenig über den Trend. Entscheidend ist die Substanz des Eises: Mehrjähriges Eis bedeckte am Ende der Schmelzsaison in den 1980er Jahren etwa 3,5 Millionen Quadratkilometer, seit 2007 sind es 1,3 bis 1,9 Millionen. Das älteste, dickste Eis (über vier Jahre) ist seit 2012 auf höchstens 250.000 Quadratkilometer geschrumpft, vor 2005 waren es rund 1,5 Millionen.[7]
Der Langzeittrend ist eindeutig: Das Septemberminimum sinkt seit 1979 um 11,8 Prozent pro Jahrzehnt, bezogen auf den Mittelwert von 1981 bis 2010. Das US-Schneedatenzentrum NSIDC weist aber selbst darauf hin, dass es in den vergangenen zwei Jahrzehnten keinen signifikanten weiteren Rückgang der Septemberminima gab. Die Ursachen dieser Abflachung sind unter Forschenden umstritten.[5]
Warum die Antarktis anders tickt
Die Antarktis ist geografisch das Gegenstück: ein Kontinent unter einem Eisschild statt eines Ozeans unter Meereis. Der Eisschild bedeckt fast 14 Millionen Quadratkilometer und enthält etwa 30 Millionen Kubikkilometer Eis. Schmölze er vollständig, stiege der Meeresspiegel um rund 58 Meter.[8]
Rundherum liegt der Südliche Ozean mit dem Antarktischen Zirkumpolarstrom. Messungen in der Drake-Passage, der engsten Stelle zwischen Südamerika und der Antarktis, ergaben für 2007 bis 2011 einen mittleren Transport von 173,3 Millionen Kubikmetern Wasser pro Sekunde, 30 Prozent mehr als der lange verwendete Standardwert.[9] Das ist laut Forschenden der Universität Tasmanien und der CSIRO mehr als das Hundertfache aller Flüsse der Erde zusammen.[10]
Der Strom entsteht aus dem Zusammenspiel starker Westwinde und dem großen Temperaturunterschied zwischen Äquator und Polen. Kaltes Wasser nahe der Antarktis ist dichter als warmes subtropisches Wasser, die Westwinde machen dieses Gefälle steiler, und der Strom fließt ostwärts entlang davon. Er hält eine scharfe Temperaturgrenze aufrecht: Nördlich davon steigen die Wassertemperaturen rasch.[10] Diese Grenze trägt dazu bei, den Kontinent kalt zu halten.[10]
Kein einheitlicher Trend: Südpol, Westantarktis und der Rest
Dass die Antarktis sich kaum erwärme, stimmt so pauschal nicht. Der Südpol erwärmte sich zwischen 1989 und 2018 um 0,61 Grad pro Jahrzehnt, mehr als dreimal so schnell wie der globale Durchschnitt. Der Mittelwert von 20 Stationen auf dem Kontinent lag bei nur 0,26 Grad in 30 Jahren, am Südpol waren es 1,83 Grad.[2] Die Studie deutet die Südpol-Erwärmung vor allem als Folge natürlicher Schwankungen, ausgelöst durch wärmere Meeresoberflächen im westlichen tropischen Pazifik. Sie überdecke ein menschengemachtes Signal im Inneren der Antarktis.[2]
Beim Eis zeigt sich der Wandel deutlicher. Der Antarktische Eisschild verlor zwischen 1992 und 2017 etwa 2.720 Milliarden Tonnen Eis, bei einer Unsicherheit von 1.390 Milliarden Tonnen. Das entspricht 7,6 Millimetern Meeresspiegelanstieg. In der Westantarktis stieg der jährliche Verlust durch ozeangetriebenes Schmelzen von 53 auf 159 Milliarden Tonnen. An der Antarktischen Halbinsel wuchs er nach dem Zusammenbruch von Schelfeisen, den schwimmenden Eisplatten am Rand des Eisschilds, von 7 auf 33 Milliarden Tonnen. Für die Ostantarktis ist die Bilanz am unsichersten.[11] Grönland verliert laut NSIDC seit 1998 jedes Jahr Eis, die Antarktis bisher langsamer.[8]
Die Arktis ist ein Ozean unter Eis, die Antarktis ein Kontinent unter Eis: Derselbe Klimawandel trifft zwei Systeme, die völlig unterschiedlich reagieren.
Kerngedanke
Antarktisches Meereis: von Rekordhochs zu Rekordtiefs
Lange nahm das Meereis um die Antarktis leicht zu, im Mittel um etwa 1,7 Prozent pro Jahrzehnt, mit Rekordmaxima zwischen 2012 und 2015. Ab etwa 2015 ging es abrupt zurück, 2017 gab es erstmals ein Rekordtief.[3][7] Im Februar 2023 setzte das Meereis das nächste Sommerminimum: der dritte Rekord in sieben Jahren. Auch in Herbst und Winter blieb die Ausdehnung außergewöhnlich niedrig.[12]
Eine Analyse bringt das mit einer Erwärmung des Südlichen Ozeans unterhalb der Oberfläche in Verbindung und spricht von einem möglicherweise neuen Zustand, in dem andere Prozesse die Eisbedeckung steuern könnten.[12] Die Werte bleiben niedrig: Das Wintermaximum 2026 lag mit 17,59 Millionen Quadratkilometern auf Platz 3 der Satellitenreihe, normal sind laut Deutschem Wetterdienst 18 bis 19 Millionen. Seit dem 2. Oktober 2026 unterbietet die tägliche Ausdehnung sogar die Rekordwerte von 2023 für diesen Tag.[5][3][7]
Auch der Wind verändert sich. Die Westwinde über dem Südlichen Ozean haben nach Angaben von 2018 in den vorangegangenen 40 Jahren um etwa 40 Prozent zugenommen, bedingt durch Ozonabbau und steigende Treibhausgase. Der Zirkumpolarstrom wurde dadurch nicht stärker. Stattdessen nehmen Wirbel zu, die Wärme Richtung Pol tragen.[10] Wie Wind, Ozeanwärme und Meereis genau zusammenspielen, ist weiter Gegenstand der Forschung.
Das Ozonloch: ein Erfolg mit langem Atem
Beim Ozonloch über der Antarktis hat internationale Politik nachweislich gewirkt. Seit dem Montrealer Protokoll von 1987 erholt sich die Ozonschicht dort, trotz großer Unterschiede von Jahr zu Jahr. Nach dem WMO/UNEP-Bericht von 2022 soll der Gesamtozongehalt in der Antarktis um 2066 wieder die Werte von 1980 erreichen, bei einer Spanne der Modelle von 2049 bis 2077. In der Arktis wird das für etwa 2045 erwartet. Die Rechnung setzt voraus, dass das Protokoll vollständig eingehalten wird.[13]
Was du tun kannst
- Sieh dir die Daten selbst an: Das Meereisportal des Alfred-Wegener-Instituts zeigt die tagesaktuelle Meereiskonzentration für beide Pole.
- Ordne Schlagzeilen nach Eisart und Zeitraum ein: Meereis schwimmt auf dem Ozean, Eisschilde liegen auf Land und heben beim Schmelzen den Meeresspiegel.[8] Ein einzelnes Jahr, etwa der kühle Arktissommer 2026, sagt wenig über den Trend.[7]
- Fordere Klimaschutz ein, der Emissionen senkt, bei Wahlen, in der Kommune oder im Verein. Bei anhaltenden Emissionen sind die Eisschilde laut NSIDC für noch deutlich schnelleren Eisverlust anfällig.[8]
Fazit
Arktis und Antarktis reagieren auf denselben Klimawandel unterschiedlich, weil ein Ozean unter Eis auf Rückkopplungen anders antwortet als ein Kontinent unter einem Eisschild. Das Bild ist dabei komplizierter als „Norden warm, Süden stabil“: Der Südpol erwärmte sich stark, der Eisschild verliert Masse, und das antarktische Meereis liegt seit 2016 auf Tiefständen. Polar-Schlagzeilen lassen sich besser einordnen, wenn Ort, Eisart und Zeitraum mitgedacht werden.
Quellen
[1] Rantanen, M. et al. (2022): The Arctic has warmed nearly four times faster than the globe since 1979. Communications Earth & Environment 3, 168. nature.com
[2] Clem, K. R. et al. (2020): Record warming at the South Pole during the past three decades. Nature Climate Change 10, 762 bis 770. nature.com
[3] Deutscher Wetterdienst (04.01.2023): Antarktische Meereisbedeckung mit Rekordminimum im Dezember. dwd.de
[4] Pithan, F. und Mauritsen, T. (2014): Arctic amplification dominated by temperature feedbacks in contemporary climate models. Nature Geoscience 7, 181 bis 184. nature.com
[5] National Snow and Ice Data Center (23.09.2026): Arctic sea ice minimum ties for tenth lowest. nsidc.org
[6] National Snow and Ice Data Center (27.03.2025): Arctic sea ice sets a record low maximum in 2025. nsidc.org
[7] National Snow and Ice Data Center (07.10.2026): „Stranger Things“ in the 2026 Arctic. nsidc.org
[8] National Snow and Ice Data Center: What is an ice sheet? (abgerufen im Oktober 2026). nsidc.org
[9] Donohue, K. A. et al. (2016): Mean Antarctic Circumpolar Current transport measured in Drake Passage. Geophysical Research Letters 43. doi.org
[10] Phillips, H., Legresy, B. und Bindoff, N. (15.11.2018): Explainer: how the Antarctic Circumpolar Current helps keep Antarctica frozen. The Conversation. theconversation.com
[11] Shepherd, A. et al. (2018): Mass balance of the Antarctic Ice Sheet from 1992 to 2017. Nature 558, 219 bis 222. nature.com
[12] Purich, A. und Doddridge, E. W. (2023): Record low Antarctic sea ice coverage indicates a new sea ice state. Communications Earth & Environment 4, 314. nature.com
[13] WMO/UNEP (2022): Scientific Assessment of Ozone Depletion: 2022, Executive Summary und Kapitel 4. csl.noaa.gov



