Warum die Arktis schneller schmilzt als die Antarktis

Arctic Ice

Zwei Pole, ein Klimawandel, aber zwei völlig unterschiedliche Geschichten: Seit 1979 hat sich die Arktis fast viermal so schnell erwärmt wie der Rest der Erde, in Teilen des Arktischen Ozeans sogar siebenmal so schnell [¹]. Die Antarktis dagegen zeigte über 70 Jahre hinweg kaum einen Erwärmungstrend, trotz stetig steigender Treibhausgaskonzentrationen [²]. Wer zum ersten Mal von diesem Unterschied hört, fragt sich zu Recht: Wie kann das sein, wenn beide Pole demselben globalen Klimawandel ausgesetzt sind?

Die Antwort liegt vor allem in der Geografie der beiden Pole. Sie zeigt, wie unterschiedlich ein und derselbe Klimawandel je nach Ort wirken kann, und macht deutlich, warum Schlagzeilen zu Polareis mit etwas mehr Kontext gleich viel mehr Sinn ergeben.

Die Arktis erwärmt sich fast viermal so schnell

2022 zeigte eine Studie des Finnischen Meteorologischen Instituts unter Leitung von Mika Rantanen: Zwischen 1979 und 2021 stieg die Temperatur in der Arktis im Schnitt um 0,73 Grad Celsius pro Jahrzehnt, weltweit waren es im selben Zeitraum 0,19 Grad [¹]. Das ist fast das Vierfache, deutlich mehr, als frühere Schätzungen einer zwei- bis dreifachen Erwärmung („Arctic Amplification“) nahelegten. In Teilen des Arktischen Ozeans lag die Erwärmungsrate laut der Studie sogar beim Siebenfachen des globalen Durchschnitts.

Für dieses Ausmaß nennen die Forscher*innen mehrere Gründe. Ein Teil geht auf natürliche Klimaschwankungen zurück, bis zu 50 Prozent des Meereisrückgangs könnten laut Studie darauf beruhen. Ein weiterer Teil hängt mit Wärme zusammen, die aus dem im Herbst und Winter eisfreien Ozean in die Atmosphäre entweicht. Und ein zentraler Teil der Verstärkung erklärt sich über einen Mechanismus, der sich anschaulich beschreiben lässt: die Eis-Albedo-Rückkopplung.

Der Trick heißt Eis-Albedo-Rückkopplung

Helles Eis reflektiert einen Großteil des Sonnenlichts zurück ins All, ähnlich wie ein Spiegel [²]. Schmilzt Eis, kommt darunter dunkleres Land oder dunkleres Meerwasser zum Vorschein. Dunkle Flächen absorbieren Sonnenlicht statt es zu reflektieren, die Umgebung erwärmt sich zusätzlich, und dadurch schmilzt noch mehr Eis. Dieser sich selbst verstärkende Kreislauf heißt Eis-Albedo-Rückkopplung und gilt als einer der zentralen Gründe, warum sich die Arktis so viel schneller erwärmt als der Rest der Welt.

Weil die Arktis ein von Meereis bedecktes Ozeanbecken ist, wirkt dieser Effekt hier besonders stark: Wo im Sommer Eis schmilzt, liegt direkt darunter offenes, dunkles Meerwasser [²].

Warum die Antarktis anders tickt

Die Antarktis funktioniert geografisch fast spiegelverkehrt zur Arktis. Statt eines Ozeans unter einer Eisdecke ist sie ein erhöhter Kontinent, der von einem massiven, dauerhaften Eisschild bedeckt ist [²]. Rundherum liegt der Südliche Ozean, durch den der Antarktische Zirkumpolarstrom fließt: mit 165 bis 182 Millionen Kubikmetern Wasser pro Sekunde die mit Abstand stärkste Meeresströmung der Erde, über hundertmal mehr Wasser, als alle Flüsse der Welt zusammen transportieren [³].

Der Strom entsteht durch das Zusammenspiel starker Westwinde über dem Südlichen Ozean und dem großen Temperaturunterschied zwischen Äquator und Polen. Die kalten, wenig salzhaltigen antarktischen Gewässer sind dichter als warme subtropische Wassermassen, wodurch eine Art unterseeisches Gefälle entsteht, auf dem der Strom ostwärts fließt. Die Westwinde verstärken dieses Gefälle zusätzlich [³]. Zusammen bilden Strom und Winde eine scharfe thermische Grenze, die wärmere Wassermassen aus niedrigeren Breiten größtenteils von der Antarktis fernhält [³].

Das Ergebnis: Der antarktische Kontinent selbst zeigte über die vergangenen 70 Jahre trotz steigender Treibhausgaskonzentrationen keinen signifikanten Erwärmungstrend [²]. Eine deutliche Ausnahme bildet die Antarktische Halbinsel, die sich zungenförmig weiter nach Norden erstreckt und dadurch stärker von wärmeren Luft- und Meeresströmungen erreicht wird als der Rest des Kontinents.

Die Antarktis überrascht trotzdem

Ganz so stabil, wie es klingt, bleibt dieser Schutzmechanismus allerdings nicht zwangsläufig. Die Westwinde über dem Südlichen Ozean haben in den vergangenen vier Jahrzehnten um etwa 40 Prozent zugenommen, unter anderem durch das Ozonloch und steigende Treibhausgaskonzentrationen. Paradoxerweise wird der Zirkumpolarstrom dadurch nicht einfach stärker, Forscher*innen beobachten stattdessen mehr Wirbel, die Wärme in Richtung Pol transportieren und die schützende thermische Barriere schwächen könnten [³].

Passend dazu verzeichnet die Antarktis seit 2016 beim saisonalen Meereis mehrere Rekordtiefs. Anfang Januar 2023 maß das Alfred-Wegener-Institut nur noch rund 4,23 Millionen Quadratkilometer antarktisches Meereis, deutlich unter dem bisherigen Rekord von 2017 [⁴]. Zum Vergleich: Im antarktischen Winter liegt die Ausdehnung normalerweise bei 18 bis 19 Millionen Quadratkilometern.

Ob dahinter der Beginn eines echten Klimatrends steckt oder vor allem natürliche Schwankungen im Südlichen Ozean, ist unter Forscher*innen noch nicht abschließend geklärt [⁴]. Genau das macht die Antarktis gerade zu einem der spannendsten Forschungsfelder der Klimawissenschaft: ein System, das jahrzehntelang stabil wirkte, zeigt plötzlich Bewegung, und die Fachwelt versucht live zu verstehen, warum.

Ausblick

Die gute Nachricht dabei: Wissenschaftler*innen verstehen die Mechanismen hinter beiden Polen heute so genau wie nie zuvor, auch dank neuer Satellitengenerationen und verfeinerter Modelle, die genau die Fragen adressieren, die die aktuellen antarktischen Rekordtiefs aufwerfen. Jede neue Messreihe verbessert die Vorhersagen für beide Pole.

Es gibt außerdem ein konkretes Beispiel dafür, dass internationale Klimapolitik über den Polen bereits nachweislich gewirkt hat: Das Ozonloch über der Antarktis, verursacht durch längst verbotene FCKW-Chemikalien, schrumpft seit dem Montrealer Protokoll von 1987 kontinuierlich und soll dort bis 2066 wieder auf das Niveau von 1980 zurückkehren. Was einmal ein sich selbst verstärkendes Problem war, lässt sich also durchaus umkehren, wenn Forschung, Politik und internationale Zusammenarbeit zusammenwirken.

Wer selbst neugierig auf die aktuellen Zahlen ist, findet auf öffentlichen Portalen wie meereisportal.de tagesaktuelle Daten zur Meereisausdehnung an beiden Polen, kostenlos und ganz ohne Vorwissen. Ein guter Ort, um dem eigenen Erdkunde-Wissen mal wieder ein Update zu verpassen.

Quellen

[¹] Carbon Brief (2022): The Arctic has warmed nearly four times faster than the global average

[²] International Science Council (2024): Climate explained: Why is the Arctic warming faster than other parts of the world?

[³] The Conversation (2018): Explainer: how the Antarctic Circumpolar Current helps keep Antarctica frozen

[⁴] Deutscher Wetterdienst (2023): Antarktische Meereisbedeckung mit Rekordminimum im Dezember


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