- Bedeutung
- Verfahren, das Umweltwirkungen eines Produkts über seinen gesamten Lebensweg erfasst und bewertet
- Englisch
- Life Cycle Assessment (LCA)
- Norm
- ISO 14040:2006 und ISO 14044:2006, in Deutschland als DIN EN ISO übernommen
- Vier Elemente
- Ziel und Untersuchungsrahmen, Sachbilanz, Wirkungsabschätzung, Auswertung
Einfach erklärt
Eine Ökobilanz, auf Englisch Life Cycle Assessment (LCA), erfasst und bewertet die Umweltwirkungen eines Produkts über seinen gesamten Lebensweg: vom Abbau der Rohstoffe über Herstellung, Transport und Nutzung bis zur Entsorgung oder Wiederverwertung. Das Umweltbundesamt nennt es ein Verfahren, um umweltrelevante Vorgänge zu erfassen und zu bewerten. Ursprünglich wurde es vor allem für Produkte entwickelt, heute wird es auch für Verfahren, Dienstleistungen und Verhaltensweisen angewendet.
Ein Beispiel macht den Sinn greifbar: Ist eine Baumwolltasche besser fürs Klima als eine Plastiktüte? Die Antwort hängt davon ab, wie oft die Tasche genutzt wird, wie die Baumwolle angebaut wurde und wie beide am Ende entsorgt werden. Eine Ökobilanz versucht, solche Faktoren in Zahlen zu fassen, und schützt so vor voreiligen Schlüssen. Das macht sie auch zu einem Werkzeug gegen Greenwashing: Produkte, die auf den ersten Blick „grün“ wirken, können bei genauer Betrachtung anders abschneiden als erwartet.
Merke
Eine Ökobilanz liefert keine Wahrheit, sondern einen Vergleich unter festgelegten Bedingungen. Ohne Ziel, Systemgrenzen und Annahmen ist eine Zahl daraus wenig wert.
Ausführlich erklärt
Die vier Elemente
Die Grundsätze und Regeln zur Durchführung sind in den ISO-Standards 14040:2006 und 14044:2006 festgelegt und ins deutsche Normenwerk übertragen worden. Nach dem Umweltbundesamt umfasst eine Ökobilanz vier Elemente:
- Ziel und Untersuchungsrahmen: Wozu dient die Studie, was wird verglichen, wo verlaufen die Systemgrenzen?
- Sachbilanz: Alle Stoff- und Energieströme, die mit dem untersuchten System verbunden sind, werden erfasst, etwa Rohstoffe, Emissionen aus Energieerzeugung, Transport und Entsorgung.
- Wirkungsabschätzung: Die erfassten Ströme werden Umweltwirkungen zugeordnet, zum Beispiel dem Beitrag zum Treibhauseffekt.
- Auswertung: Die Ergebnisse werden eingeordnet, auf Plausibilität geprüft und mit Blick auf das ursprüngliche Ziel interpretiert.
Das Umweltbundesamt nennt außerdem zwei Grundsätze. Erstens die medienübergreifende Betrachtung: Alle relevanten potenziellen Schadwirkungen auf Boden, Luft und Wasser sind zu berücksichtigen. Zweitens die stoffstromintegrierte Betrachtung: Alle Stoffströme, die mit dem betrachteten System verbunden sind, zählen mit. Hellweg und Milà i Canals beschreiben das Ziel dahinter: Umweltwirkungen sollen aus einer Systemsicht bewertet werden, ohne Belastungen nur zu verschieben.
Wofür Ökobilanzen genutzt werden
Nach dem Umweltbundesamt dienen die Ergebnisse dazu, Produktionsprozesse zu optimieren. Sie sind außerdem Entscheidungshilfe bei der Vergabe des Blauen Engels oder bei Fragen zum Verpackungsgesetz. Hellweg und Milà i Canals nennen in einem Überblick in der Zeitschrift Science weitere Einsatzfelder: Politikgestaltung, Produktentwicklung, Einkauf und Konsumentscheidungen. Sie beschreiben die Ökobilanz als brauchbares Screening-Werkzeug, das Schwachstellen („Hotspots“) in komplexen Lieferketten aufspürt.
Ökobilanz, CO₂-Fußabdruck und Stoffstromanalyse
Die Ökobilanz betrachtet sämtliche Umweltwirkungen. Der CO₂-Fußabdruck (Carbon Footprint) und der Wasserfußabdruck berücksichtigen dagegen laut Umweltbundesamt jeweils nur eine Umweltwirkung. Sie erlauben nur Aussagen über den Beitrag zum Treibhauseffekt beziehungsweise zum Wasserverbrauch, ihre Berechnungsmethoden sind aber an die Ökobilanz angelehnt. Welche Gase dabei zählen, erklärt der Eintrag zu Treibhausgasen. Der ökologische Fußabdruck ist ein anderes Konzept und keine vereinfachte Ökobilanz.
Die Stoffstromanalyse ist dagegen nicht international genormt. Bei ihr stehen eher Mengen und Wege der Stoff-, Material- und Energieflüsse im Vordergrund, bei der Ökobilanz zusätzlich die mit diesen Flüssen verbundenen Umweltwirkungen.
Beispiel: Tragetaschen im Vergleich
Wie stark Annahmen das Ergebnis lenken, zeigt eine Studie der dänischen Umweltschutzbehörde von 2018. Sie verglich Einkaufstaschen aus dänischen Supermärkten und rechnete aus, wie oft eine Mehrwegtasche genutzt werden muss, damit ihre Umweltwirkungen so niedrig liegen wie die einer einfachen Plastiktüte aus Polyethylen (LDPE).
Für konventionelle Baumwolle nennt die Studie mindestens 52 Nutzungen bezogen auf den Klimawandel und mindestens 7.100, wenn alle Indikatoren berücksichtigt werden. Bei Bio-Baumwolle sind es 149 und 20.000. Die sehr hohen Zahlen gehen laut Studie allein auf die Kategorie Ozonabbau zurück, für die der Baumwolldatensatz größere Wirkungen liefert als die Referenztüte. Ohne Ozonabbau liegen die Werte zwischen 50 und 1.400 Nutzungen für konventionelle und zwischen 150 und 3.800 für Bio-Baumwolle. Den höchsten Wert in dieser Spanne verursacht der Wasserverbrauch, aber auch Überdüngung von Süßwasser und Land spielt eine Rolle. Zum Vergleich: Für nicht gebleichte Papiertüten nennt die Studie 43 Nutzungen bei allen Indikatoren, für Polypropylen-Tüten aus Vlies 52.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Ergebnisse sind laut Studie relative Werte und keine Vorhersage konkreter Schäden. Und die Studie erfüllt die Norm nach eigener Aussage nicht in allen Punkten: Sie wurde extern von einer Firma begutachtet, nicht wie vorgeschrieben von einem Expertenpanel. Wie stark die Rahmenbedingungen wirken, zeigt auch die Sensitivitätsanalyse der Studie: Die Wahl des Referenzflusses war für die berechnete Nutzungszahl von Bio-Baumwolle bestimmend. Klar ist trotzdem die Richtung: Entscheidend ist, wie oft eine Tasche tatsächlich genutzt wird. Das passt zur Logik der Kreislaufwirtschaft.
Grenzen der Methode
Das Umweltbundesamt nennt als wesentliches Problem die oft sehr eingeschränkte Verfügbarkeit geeigneter Daten. Umweltbezogene Daten zu Produkten und Prozessen sind häufig nicht öffentlich oder nur mühsam zu recherchieren. Das UBA stellt dafür das Portal ProBas bereit. Hellweg und Milà i Canals weisen darauf hin, dass der große Untersuchungsumfang einer Ökobilanz mit Vereinfachungen und Unsicherheiten erkauft wird.
Was eine Ökobilanz nicht leistet
Sie sagt nicht, ob ein Produkt nötig ist, wie viel davon gekauft wird oder ob Einsparungen an anderer Stelle durch Mehrverbrauch aufgezehrt werden (Rebound-Effekt). Hellweg und Milà i Canals nennen die Erweiterung um wirtschaftliche und soziale Aspekte als Aufgabe für die Zukunft. Wer ein Ergebnis liest, sollte deshalb nach Ziel, Systemgrenzen und Datenquellen fragen.
Zur Einordnung von Werbeversprechen hilft der Blogartikel Greenwashing erkennen: 7 Warnsignale bei nachhaltiger Mode.
Eine Ökobilanz ist ein Vergleichswerkzeug: Sie macht Annahmen sichtbar, statt sie zu verstecken.
Kerngedanke
Was du tun kannst
- Frage bei Umweltzahlen nach dem Vergleich: besser als was, bezogen auf welche Nutzung?
- Achte darauf, ob nur eine Wirkung wie CO₂ betrachtet wurde oder mehrere.
- Nutze Dinge so lange wie möglich: Bei Mehrwegprodukten entscheidet die Nutzungszahl.
Quellen: Umweltbundesamt (zuletzt aktualisiert 17.10.2018): Ökobilanz / ISO 14040:2006 (Umweltmanagement, Ökobilanz, Grundsätze und Rahmenbedingungen) und ISO 14044:2006 (Anforderungen und Anleitungen), hier nach der Darstellung des Umweltbundesamts wiedergegeben / Danish Environmental Protection Agency (2018): Life Cycle Assessment of grocery carrier bags, Environmental Project no. 1985 / Hellweg, S., Milà i Canals, L. (2014): Emerging approaches, challenges and opportunities in life cycle assessment. Science 344, S. 1109 bis 1113
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