- Bedeutung
- Geplante Verringerung von Energie- und Ressourcenverbrauch, die Ungleichheit senken und Wohlbefinden verbessern soll (Hickel, 2021)
- Adressiert
- Vor allem Länder mit hohem Einkommen
- Herkunft
- Französisch „décroissance“, Schlagwort einer Bewegung seit Februar 2002
- Auf Deutsch
- Postwachstum, oft gleichbedeutend gebraucht
- Nicht gemeint
- Rezession, also ein ungeplanter Rückgang der Wirtschaftsleistung
Einfach erklärt
Degrowth (englisch für „Wachstumsrücknahme“) bezeichnet eine soziale Bewegung, ein Forschungsfeld und eine Praxis, die Wirtschaft nicht mehr am Wachstum ausrichten will. Der Ökonom Jason Hickel fasst es so: Degrowth ist eine geplante Verringerung von Energie- und Ressourcenverbrauch, die die Wirtschaft wieder in ein Gleichgewicht mit der lebendigen Welt bringen, Ungleichheit verringern und das menschliche Wohlbefinden verbessern soll. Im Mittelpunkt steht also der Verbrauch von Natur, nicht ein Zahlenwert wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das den Wert aller im Inland erzeugten Waren und Dienstleistungen misst.
Der Begriff klingt nach Verzicht. Die Bewegung versteht ihn anders: Es geht um ein gutes Leben für alle innerhalb der planetaren Grenzen, mit mehr Zeit, mehr Gemeinschaft und fairer verteilter Arbeit. Wer von Degrowth spricht, meint ausdrücklich keine Rezession. Eine Rezession ist ein ungeplanter Rückgang der Wirtschaftsleistung. Degrowth soll dagegen geplant und demokratisch gestaltet werden, und Hickel erklärt in einem eigenen Text, worin sich beides grundlegend unterscheidet. Das deutsche Wort dafür ist Postwachstum, das oft gleichbedeutend gebraucht wird.
Merke
Degrowth richtet sich in erster Linie an Länder mit hohem Einkommen. Es fordert nicht, dass ärmere Länder auf das verzichten, was sie für ein gutes Leben brauchen.
Ausführlich erklärt
Woher der Begriff kommt
Laut der Plattform degrowth.info entstand die „décroissance“ mit einer Sonderausgabe der Zeitschrift S!lence im Februar 2002. Sie baute auf älteren Ideen auf, etwa der Kritik an Entwicklung, Autonomie, Gemeinschaftlichkeit (conviviality) und dem Ökofeminismus. Das englische Wort „degrowth“ wurde nach der ersten internationalen Konferenz im April 2008 in Paris gebräuchlich, zu der rund 140 Teilnehmende aus etwa 30 Ländern kamen. Weitere Konferenzen folgten, darunter 2014 in Leipzig, und die Bewegung wuchs auch in der Wissenschaft: Eine Auswertung von Giorgos Kallis und weiteren Forschenden aus dem Jahr 2018 beschreibt Degrowth als Hypothese, dass ein Umbau der Gesellschaft mit weniger Ressourcen- und Energieverbrauch notwendig, wünschenswert und möglich ist.
Eine ältere Wurzel nennt der Schlussbericht der Enquete-Kommission des Bundestags zu Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität: Der Ökonom Nicholas Georgescu-Roegen beschrieb 1971 in „The Entropy Law and the Economic Process“ thermodynamische Grenzen des Wachstums. Nach dem zweiten Hauptsatz der Wärmelehre nimmt die Entropie im Universum stetig zu, und Wirtschaftswachstum beschleunigt diese Prozesse auf der Erde.
Was Degrowth fordert
Degrowth ist kein Ein-Punkte-Programm. Die Plattform degrowth.info nennt mehrere Kernideen:
- Genügsamkeit mit Gerechtigkeit: Alle sollen einen fairen Anteil an Energie, Material, Land und Wasser erhalten, um ihre Grundbedürfnisse zu decken, während der Gesamtverbrauch begrenzt wird. Das knüpft an den Begriff der Suffizienz an.
- Sorgearbeit: Pflege und Fürsorge für Menschen und Natur sind unbezahlt oder unterbezahlt, obwohl Gesellschaften ohne sie nicht funktionieren. Sie soll gerecht über Geschlechter, Klassen und rassistisch markierte Gruppen verteilt werden, und es soll neu bestimmt werden, welche Arbeit als produktiv gilt.
- Demokratie und Selbstbestimmung: Politische und wirtschaftliche Macht soll dezentraler werden und koloniale, rassistische und patriarchale Strukturen nicht fortschreiben.
- Aus dem Markt nehmen und gemeinsam verwalten: Bereiche des Lebens sollen weniger von Marktlogik abhängen. „Commoning“ heißt, Ressourcen gemeinschaftlich zu nutzen und zu pflegen, unabhängig von Privatbesitz, Markt und Staat.
- Reparierbare Technik: Gemeint sind Werkzeuge, die zugänglich, geteilt und leicht zu reparieren sind und nicht von einer kleinen Expertengruppe kontrolliert werden.
Außerdem kritisiert die Bewegung, dass Herrschaftssysteme wie Kapitalismus, Extraktivismus (Wirtschaften durch Rohstoffabbau und Ausbeutung von Natur), Kolonialismus und Patriarchat zusammenhängen.
Warum der Fokus auf reiche Länder liegt
Dass Degrowth vor allem Länder mit hohem Einkommen anspricht, stützt eine Studie im Fachjournal The Lancet Planetary Health von 2022. Die Forschenden berechneten, wie weit Länder von 1970 bis 2017 über ihren fairen Anteil einer nachhaltigen Materialnutzung hinausgingen. Auf Länder mit hohem Einkommen entfallen demnach 74 % der globalen Überschreitung, auf die USA 27 % und auf die EU-28 mit anderen reichen Ländern 25 %. China trägt 15 %, der übrige Globale Süden nur 8 %. Die Forschenden folgern, dass reiche Länder ihren Ressourcenverbrauch dringend senken müssen und dazu wahrscheinlich Post-Wachstums- und Degrowth-Ansätze brauchen.
Zugleich kommt die Frage nach Bedürfnissen hinzu. Eine Studie in Nature Sustainability (2018) untersuchte über 150 Länder und fand, dass kein Land die Grundbedürfnisse seiner Bevölkerung bei einem global nachhaltigen Ressourcenverbrauch deckt. Körperliche Bedürfnisse wie Ernährung, Sanitärversorgung, Stromzugang und das Ende extremer Armut ließen sich wahrscheinlich für alle erfüllen, ohne planetare Grenzen zu überschreiten. Qualitative Ziele wie hohe Lebenszufriedenheit würden bei heutigen Zusammenhängen dagegen das Zwei- bis Sechsfache des nachhaltigen Ressourcenverbrauchs erfordern.
Streitpunkt Entkopplung
Der Kern der Debatte: Lässt sich die Wirtschaft vergrößern, während Ressourcenverbrauch und Emissionen absolut sinken? Das nennt die Forschung absolute Entkopplung. Der IPCC (Weltklimarat) hält 2022 fest, dass umstritten ist, ob sie weltweit erreichbar ist. Auf nationaler Ebene zeigten mehrere Studien, dass sie möglich ist. Vogel und Hickel untersuchten (2023) elf Länder mit hohem Einkommen, die 2013 bis 2019 absolut entkoppelten, und rechneten aus, dass sie bei den erreichten Raten im Schnitt mehr als 220 Jahre bräuchten, um ihre Emissionen um 95 % zu senken. Degrowth-nahe Forschende ziehen daraus den Schluss, dass zusätzlich der Verbrauch sinken muss. Der IPCC nennt als Gründe erfolgreicher Länder nicht nur ausgelagerte Produktion, sondern auch Effizienz und einen emissionsärmeren Energiemix. Wie die Forschung das Gesamtbild bewertet, bleibt offen. Die Studien zu den Raten stammen zudem von Forschenden, die dem Degrowth-Lager nahestehen.
Degrowth fragt nicht, wie viel Wirtschaft wächst, sondern was sie verbraucht, wem sie nützt und wer die Arbeit macht.
Kerngedanke
Einwände und Grenzen
Eine Kritik lautet, Degrowth sei politisch schwer durchsetzbar, weil Sozialstaaten, Renten und Arbeitsplätze heute auf Wachstum angewiesen sind. Die Enquete-Kommission des Bundestags blieb in der Wachstumsfrage uneins. Die Bewegung nennt deshalb Gerechtigkeit und Verteilung als Kernelement, wie es auch der Grundsatz der Just Transition beschreibt. Ein weiterer Streitpunkt ist, ob Effizienzgewinne wirklich Verbrauch senken oder durch den Rebound-Effekt wieder aufgezehrt werden.
Ehrlich bleibt auch: Die hier genannten Quellen stammen überwiegend aus Europa und dem englischsprachigen Raum. Stimmen aus dem Globalen Süden, etwa aus der Bewegung für Klimagerechtigkeit, kommen hier nur vermittelt vor. Die erste Nord-Süd-Konferenz zu Degrowth fand 2018 in Mexiko-Stadt statt. Wer wissen will, wie Wachstumskritik mit Gerechtigkeitsfragen zusammenhängt, findet Anknüpfungspunkte bei Klimagerechtigkeit und der Gemeinwohlökonomie.
Was Degrowth nicht sagt
Der Begriff beschreibt keinen Rückzug in die Vergangenheit und keine Abwertung von Wohlstand. Er sagt auch nicht, dass alles schrumpfen soll: Gemeint ist die Verringerung des Energie- und Ressourcenverbrauchs, und die Sorgearbeit soll nach degrowth.info ausdrücklich aufgewertet werden.
Was du tun kannst
- Frage bei Aussagen über Wachstum nach: Wächst gerade etwas, und für wen? Was wird dabei verbraucht?
- Repariere, leihe und teile Dinge, bevor du neu kaufst, zum Beispiel über Repair-Cafés oder Leihläden in deiner Stadt.
- Schätze Sorgearbeit im eigenen Umfeld als Arbeit: Sprich offen darüber, wer sie macht und wie sie sich fairer verteilen lässt.
Quellen: Hickel, J. (2021): What does degrowth mean? A few points of clarification. Globalizations 18 (7), S. 1105 bis 1111 (Zusammenfassung gelesen, Volltext nicht frei zugänglich) / Kallis, G. u. a. (2018): Research On Degrowth. Annual Review of Environment and Resources 43, S. 291 bis 316 (Zusammenfassung gelesen) / Hickel, J. u. a. (2022): National responsibility for ecological breakdown. The Lancet Planetary Health 6 (4), e342 bis e349 (Zusammenfassung gelesen) / O’Neill, D. W. u. a. (2018): A good life for all within planetary boundaries. Nature Sustainability 1, S. 88 bis 95 (Zusammenfassung gelesen) / degrowth.info: What is degrowth? (gelesen 15.10.2026) / degrowth.info: Conferences (gelesen 15.10.2026) / Vogel, J. und Hickel, J. (2023): Is green growth happening? The Lancet Planetary Health 7 (9), e759 bis e769 / IPCC AR6 WGIII (2022), Kapitel 2, Abschnitt 2.3.3 / Deutscher Bundestag (2013): Schlussbericht der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität, Drucksache 17/13300 (Textstelle zu Georgescu-Roegen gelesen) / Georgescu-Roegen, N. (1971): The Entropy Law and the Economic Process. Harvard University Press
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