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Plastik im Gehirn: Was eine Studie zeigt, die nicht loslässt

Plastik im Gehirn: Was die Nature-Medicine-Studie von 2025 misst, warum die Methode umstritten ist und was daraus nicht folgt.

10 Min. Lesezeit24. Juli 2026
A discarded plastic bottle lies on a natural shoreline, highlighting pollution issues.

⏱ Lesezeit: ca. 9 Minuten

Das Wichtigste in Kürze
  • Forschende der University of New Mexico fanden in Gehirnproben Verstorbener aus 2024 mehr Plastik als in Proben aus 2016, und deutlich mehr als in Leber und Nieren.
  • Die Studie zeigt eine Korrelation, keine Ursache: Ob Plastik das Gehirn schädigt oder bei Demenz nur leichter hineingelangt, ist offen.
  • Die Messmethode ist umstritten. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält die Mengen für möglicherweise zu hoch gemessen, aber die Frage für wichtig.

Plastik im Gehirn: Diese Meldung ging im Februar 2025 um die Welt. Forschende hatten in menschlichen Gehirnen Mikro- und Nanoplastik gefunden, und in Proben von 2024 mehr als in Proben von 2016. Die Studie von Nihart und Kolleg*innen erschien in Nature Medicine. Geleitet wurde das Team vom Toxikologen Matthew Campen von der University of New Mexico.[1]

Seitdem wird sie viel zitiert und viel kritisiert. Dieser Artikel ordnet ein, was gemessen wurde, was daraus nicht folgt und warum selbst Fachleute über die Messmethode streiten. Er macht keine Panik, denn die Datenlage gibt sie nicht her. Sie gibt aber genug her, um Mikroplastik ernst zu nehmen.

Was die Studie gemessen hat

Das Team untersuchte Gewebe aus Autopsien: Gehirn (Stirnhirnrinde), Leber und Niere. Je Zeitpunkt und Organ waren es 20 bis 28 Proben, die Todesjahre waren 2016 und 2024. Dazu kamen ältere Gehirnproben aus drei Gewebebanken an der US-Ostküste (Todesjahre 1997 bis 2013) und 12 Gehirne von Menschen, bei denen zu Lebzeiten eine Demenz diagnostiziert worden war.[1]

Das Verfahren: Das Gewebe wird mit Kalilauge aufgelöst, in einer Ultrazentrifuge zu einem Rückstand verdichtet und dieser erhitzt. Die dabei entstehenden Gase werden per Gaschromatographie und Massenspektrometrie (Py-GC/MS) ausgewertet. Das Team prüfte zwölf Kunststoffsorten. Zusätzlich sahen sich die Forschenden Partikel mit Elektronenmikroskopen an.[1]

Im Gehirn lag die mittlere Konzentration (Median) 2016 bei 3.345 und 2024 bei 4.917 Mikrogramm pro Gramm Gewebe. Das entspricht einem Anstieg um etwa 50 Prozent in acht Jahren. Leber und Nieren lagen 2024 bei etwa 430 und 400 Mikrogramm pro Gramm. Im Gehirn war die Konzentration 7 bis 30 mal höher als in diesen beiden Organen. Im Gehirn waren im Schnitt 75 Prozent des gefundenen Kunststoffs Polyethylen, das Material von Folien, Tüten und Flaschen.[1]

etwa 50 %mehr Plastik in Gehirnproben von 2024 als in denen von 2016
7 bis 30 malhöhere Konzentration im Gehirn als in Leber oder Nieren
12Gehirne von Menschen mit Demenzdiagnose, mit den höchsten Werten der Studie

Die Partikel waren winzig. Unter dem Elektronenmikroskop zeigten sich splitterartige Fragmente, meist kürzer als 200 Nanometer. Das ist nicht viel größer als Viren.[1][2] Außerdem fanden die Forschenden: Alter, Geschlecht, Herkunft und Todesursache beeinflussten die Werte nicht. Der Zeitpunkt des Todes schon.[1]

Was die Studie nicht sagt

Die höchsten Werte hatten die 12 Gehirne mit Demenzdiagnose: Sechs Menschen hatten Alzheimer, drei eine vaskuläre Demenz, drei eine andere Form. Der mittlere Wert lag bei 26.076 Mikrogramm pro Gramm Gewebe und damit klar über allen anderen Gruppen. Auch in Gefäßwänden und Immunzellen fanden die Forschenden mehr Partikel.[1]

Das klingt nach einer Spur. Die Autorinnen und Autoren schreiben aber selbst, dass sie keine Ursache annehmen: Bei Demenz sind Gewebe abgebaut, die Blut-Hirn-Schranke ist geschwächt, und der Körper räumt schlechter auf. Plastik könnte sich deshalb erst als Folge der Erkrankung anreichern. Die Daten seien nur Zusammenhänge und belegten keine ursächliche Rolle.[1] Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält es für ebenso plausibel, dass eine durch Demenz geschädigte Blut-Hirn-Schranke die Anreicherung erst ermöglicht.[3]

Es gibt weitere Grenzen. Die Gruppe mit Demenz war mit durchschnittlich 77 Jahren älter als die meisten anderen Gruppen. Sie wurde an verschiedenen Orten unter nicht kontrollierten Bedingungen beprobt, und von ihr gab es keine Leber- oder Nierenproben. Die Stichprobe war klein, die Auswahl der Einrichtungen nicht repräsentativ.[3] Auch der Zeitvergleich 2016 gegen 2024 beruht auf Proben aus einer Region. Dass ältere Proben von der Ostküste niedrigere Werte hatten, kann auch am Ort liegen, räumt das Team ein.[1]

Beim Vergleich von Gewebe verschiedener Menschen aus unterschiedlichen Jahren bleibt es also bei einer Beobachtung. Ein Beleg dafür, dass Plastik im Gehirn krank macht, ist sie nicht. Das BfR betont zugleich, dass es zu Mikroplastik in der Nahrung bisher keine verlässlichen toxikologischen Belege für Gesundheitsrisiken gibt.[3]

Warum Fachleute über die Messung streiten

Im November 2025 erschien in derselben Zeitschrift ein Kommentar von Fazel Abdolahpur Monikh, Dušan Materić und weiteren Forschenden. Sie schreiben, die Studie weise methodische Schwächen auf, etwa begrenzte Kontrollen auf Verunreinigung und fehlende Validierungsschritte, die die Verlässlichkeit der gemessenen Konzentrationen beeinträchtigen könnten.[4] Das Autorenteam der Studie antwortete im selben Heft. Es räumt Unsicherheiten ein, auch bei den besten derzeitigen Methoden, und nennt als Streitpunkte die Aufbereitung des Gewebes und mögliche Störsignale von biologischen Bestandteilen wie Phospholipiden.[5]

Das BfR hat die Studie und die Kritik im Dezember 2025 bewertet. Es hält die Arbeit für sorgfältig geplant und bedeutsam, sieht aber Schwächen bei Probenvorbereitung, Nachweis und Zuordnung der Signale. Es nennt die gemessenen Mengen unrealistisch hoch, weil falsche Zuordnungen und Artefakte der Probenaufbereitung nicht auszuschließen seien. Gerade bei Polyethylen sei unklar, ob die Signale ausschließlich von Kunststoff stammen. Zu den Kritikpunkten gehört auch, dass alle Proben beim Abschneiden, Lagern und Zentrifugieren Kontakt mit Kunststoffen hatten und Kontrollen dazu nur knapp beschrieben sind.[3]

Der Kern des Problems: Fettsäuren aus Hirngewebe können beim Erhitzen ähnliche Bruchstücke liefern wie Polyethylen. Eine Studie von Rauert und Kolleg*innen kam bei Blutproben zu dem Schluss, dass Py-GC/MS derzeit für Polyethylen und PVC in biologischen Proben nicht geeignet ist, weil solche Störsignale auftreten.[6] Das BfR gibt allerdings zu bedenken: Die Werte der Demenzgehirne liegen so weit über denen der anderen Gehirne, dass sich das nicht allein durch einen höheren Fettgehalt erklären lässt.[3]

Grenzen der Messmethode

Die Zahlen stammen aus einer einzigen Messmethode, der Pyrolyse-Gaschromatographie mit Massenspektrometrie. Sie erhitzt Rückstände aus dem Gewebe und schließt aus den Gasen auf Kunststoffe. Fett im Gehirn kann ähnliche Signale erzeugen wie Polyethylen. Ob die Werte also exakt stimmen, ist offen. Die Autorinnen und Autoren schreiben selbst, dass die Methode noch nicht standardisiert ist.

Das Team selbst nennt eine Streuung von etwa 25 Prozent innerhalb derselben Probe. Es meint, dass die Trends bei dieser Größenordnung der Effekte bestehen bleiben. Unbekannte Reststoffe im Aufbereitungsrückstand könnten Werte zu hoch ausfallen lassen. Andererseits würde die Zentrifuge sehr kleine Partikel eher nicht vollständig erfassen, was die Werte zu niedrig ausfallen ließe.[1]

Das BfR kommt zu dem Schluss: Es gibt erste Hinweise auf Mikroplastik im Gehirn, die Mengen sind aber mit Vorsicht zu lesen. Wichtig seien überprüfte Messverfahren und unabhängige Folgestudien.[3] Eine Entwarnung ist das nicht, aber auch keine Diagnose. Die Frage ist offen.

Wie das Plastik ins Gehirn gelangen könnte

Auch das ist ungeklärt. Die Studie sagt, die Wege der Aufnahme und Verteilung seien kaum verstanden. Wie Nanoplastik ins Gehirn gelangt, sei unbekannt.[1] Campen vermutet, dass Mikroplastik hauptsächlich über die Nahrung aufgenommen wird, besonders über Fleisch, weil sich Plastik in der Nahrungskette anreichern könnte. Wie die Partikel tatsächlich ins Gehirn transportiert werden, sei unklar.[2] Das BfR weist darauf hin, dass der Körper und besonders das Gehirn effiziente Schutzbarrieren haben und die Aufnahme stark von Weg und Partikelgröße abhängt.[3]

Auch ein Befund aus einer anderen Studie zeigt, wie allgegenwärtig Nanoplastik im Alltag sein kann: In Flaschenwasser schätzte ein Team im Mittel rund 240.000 Partikel pro Liter, rund 90 Prozent davon Nanoplastik. Was diese Partikel im Körper bewirken, wurde dabei nicht untersucht.[7]

Wer hat wie viel Spielraum?

Die Studie erfasste nur Alter, Geschlecht, Herkunft, Todesursache und Todesdatum.[1] Über Einkommen, Beruf oder Wohnort der Verstorbenen sagt sie nichts. Ob Menschen unterschiedlich stark belastet sind, ist also gerade nicht gezeigt.

Als Frage ist es trotzdem berechtigt, denn Ausweichen kostet. Plastikfreie Verpackung, Naturfasern und frisches unverpacktes Essen sind oft teurer. Wer wenig Geld hat, hat weniger Wahl. Das ist eine Überlegung zu Klassismus und Umweltgerechtigkeit, kein Befund der Studie. Der Artikel „Wessen Planet brennt?“ beschreibt, wie ungleich Umweltlasten und Verursachung verteilt sind.

Eine politische Seite gibt es ebenfalls: Nach dem Zeitplan der Europäischen Kommission sind Plastikabfall-Exporte aus der EU in Länder außerhalb der OECD ab dem 21. November 2026 verboten.[8] Wo Plastikmüll hinfließt, ist keine Nebensache, wenn es um Einwegplastik und seine Folgen geht.

Was du tun kannst (ohne in Panik zu verfallen)

Keine dieser Maßnahmen ist als Schutz des Gehirns belegt. Sie verringern aber Plastik in deinem Alltag und in der Umwelt, und das lohnt sich unabhängig von dieser Studie.

Synthetikwäsche bändigen. Beim Waschen von Kleidung lösen sich Mikrofasern. In einem Laborvergleich verringerte der Filter XFiltra die Freisetzung ins Abwasser um etwa 78 Prozent, der Waschbeutel Guppyfriend um etwa 54 Prozent. Fasern lösen sich laut den Forschenden auch beim Tragen.[9] Weniger und langlebigere Kleidung hilft zusätzlich. Worum es beim Thema Fast Fashion geht, erklärt auch der Lexikon-Eintrag Fast Fashion. Wer dabei nicht auf Greenwashing-Versprechen hereinfallen will, findet hier einen Einstieg.

Getränke. Wer Leitungswasser in Glas oder Edelstahl füllt, umgeht das in dieser Studie untersuchte Flaschenwasser. Ob das die Belastung im Körper messbar senkt, ist nicht untersucht.[7]

Einwegplastik meiden. Das spart Müll, der später zerfällt. Mehr dazu steht im Lexikon unter Einwegplastik.

Politisch nachfragen. Einzelne Entscheidungen verändern nicht, wie viel Plastik in der Umwelt landet. Gute Fragen sind: Wer finanziert unabhängige, überprüfte Messungen? Wie werden Hersteller von Kunststoffen in die Verantwortung genommen? Wie lässt sich Plastikmüll vermeiden, statt ihn zu exportieren?

Fazit

Die Studie zeigt, dass sich Plastik im Gehirn messen lässt und die gemessenen Mengen von 2016 bis 2024 gestiegen sind, aber nicht, was das für die Gesundheit bedeutet.

Kerngedanke

Das Thema bleibt wichtig, weil die Frage nach der Wirkung von Nanoplastik im Körper offen ist. Gerade deshalb braucht es saubere Folgestudien, bevor aus einer Beobachtung eine Gewissheit wird. Mehr Wissen über Plastik im Körper ist kein Grund zur Panik, sondern zur Genauigkeit. Zur Einordnung der Methode lohnt sich ein Blick auf Peer Review: Auch eine begutachtete Studie kann Fragen aufwerfen, die erst in der Debatte danach sichtbar werden.

Quellen

[1] Nihart, A. J., et al. (2025): Bioaccumulation of microplastics in decedent human brains. Nature Medicine 31, 1114-1119. nature.com (Open Access)

[2] University of New Mexico Health Sciences (28.02.2025): UNM Researchers Find Alarmingly High Levels of Microplastics in Human Brains. hscnews.unm.edu

[3] Bundesinstitut für Risikobewertung (03.12.2025): Microplastics in the brain, Mitteilung Nr. 056/2025 (englisch). bfr.bund.de

[4] Monikh, F. A., et al. (2025): Challenges in studying microplastics in human brain (Matters Arising). Nature Medicine 31, 4034-4035. nature.com

[5] Campen, M. J., et al. (2025): Reply to: Challenges in studying microplastics in human brain. Nature Medicine 31, 4036-4037. nature.com

[6] Rauert, C., et al. (2025): Assessing the Efficacy of Pyrolysis-Gas Chromatography-Mass Spectrometry for Nanoplastic and Microplastic Analysis in Human Blood. Environmental Science & Technology 59, 1984-1994. doi.org

[7] Qian, N., et al. (2024): Rapid single-particle chemical imaging of nanoplastics by SRS microscopy. PNAS 121 (3), e2300582121. doi.org

[8] Europäische Kommission: Waste shipments, Zeitplan der Verordnung (EU) 2024/1157 (abgerufen im Oktober 2026). environment.ec.europa.eu

[9] Napper, I. E., Barrett, A. C., Thompson, R. C. (2020): The efficiency of devices intended to reduce microfibre release during clothes washing. Science of the Total Environment 738, 140412. doi.org

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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