Einfach erklärt
Adultismus (von engl. adult: erwachsen) bezeichnet die systematische Bevorzugung von Erwachsenen gegenüber Kindern und Jugendlichen sowie die Abwertung junger Menschen aufgrund ihres Alters. Kern des Adultismus ist die Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche grundsätzlich weniger kompetent, verantwortungsvoll oder ernst zu nehmen sind als Erwachsene.
Konkrete Beispiele: Eine Jugendliche erklärt, warum eine Entscheidung falsch ist. Der Erwachsene nickt und redet weiter, als hätte sie nichts gesagt. Ein Kind äußert Schmerzen und wird nicht geglaubt. Teenager werden in Diskussionen unterbrochen, weil sie „noch zu jung sind“. Diese Muster sind so alltäglich, dass sie kaum auffallen.
Adultismus ist kein Vorwurf an einzelne Erwachsene, sondern beschreibt eine strukturelle Dimension: Kinder und Jugendliche haben weniger Rechte, weniger Zugang zu Ressourcen und weniger gesellschaftlichen Einfluss als Erwachsene, unabhängig davon, wie kompetent sie tatsächlich sind.
Ausführlich erklärt
Der Begriff wurde maßgeblich durch den Pädagogen und Aktivisten John Bell in den 1990er Jahren im Kontext US-amerikanischer Jugendarbeit systematisiert. Adultismus steht in enger Verwandtschaft mit Paternalismus: der Praxis, andere zu „schützen“, indem über ihre Köpfe hinweg entschieden wird.
In intersektionaler Perspektive verstärkt Adultismus andere Diskriminierungsachsen. Schwarze Jugendliche und Jugendliche of Color (junge Menschen, die von Rassismus betroffen sind) werden in Studien häufiger als älter, gefährlicher und weniger schutzbedürftig wahrgenommen als weiße Gleichaltrige. Dieses Phänomen wird als „Adultification Bias“ bezeichnet und ist dokumentiert, unter anderem durch das Georgetown Law Center on Poverty and Inequality (2017).
Youth Participation-Bewegungen und die internationale Kinderrechtsbewegung fordern echte Mitbestimmung statt symbolischer Jugendbeteiligung. Das UN-Kinderrechtsübereinkommen (1989) verpflichtet Staaten, den Willen von Kindern und Jugendlichen zu berücksichtigen, doch zwischen rechtlicher Norm und gelebter Praxis bleibt eine große Lücke. Die Frage, ab wann Kompetenz „zählt“, ist letztlich immer auch eine Machtfrage.
Quelle: John Bell / Freechild Project: Adultism (2017) / Georgetown Law Center on Poverty and Inequality: Girlhood Interrupted (2017)
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