Klima & Erde

Geisterhaie, Glasschwämme und 1.000 neue Arten: Was wir gerade im Ozean finden

1.121 neue Meeresarten in einem Jahr: Was der Ocean Census fand, warum entdeckt nicht beschrieben heißt und was der Tiefseebergbau gefährdet.

9 Min. Lesezeit24. Juni 2026
Explore the beauty of a vibrant coral reef teeming with a diverse school of fish in a clear blue ocean.

⏱ Lesezeit: ca. 9 Minuten

Das Wichtigste in Kürze
  • Der Ocean Census meldet 1.121 neue Meeresarten für die Zeit von April 2025 bis März 2026, 54 Prozent mehr identifizierte Arten pro Jahr als zuvor.
  • Entdeckt heißt nicht beschrieben: Bis eine Art formal in einer Fachzeitschrift veröffentlicht ist, vergehen im Schnitt 13,5 Jahre.
  • Der Tiefseeboden ist kaum erforscht, und genau dort ist Bergbau geplant: 46 Länder unterstützen ein Verbot, eine Pause oder ein Moratorium.

In rund 800 Metern Tiefe in der Korallensee vor Australien lebt ein Geisterhai. Kein Märchentier, sondern eine reale neue Art: Das Forschungsnetzwerk Ocean Census meldete im Mai 2026 insgesamt 1.121 bisher unbekannte Meeresarten aus nur einem Jahr.

Wie der Ocean Census funktioniert

Der Ocean Census startete 2023, gegründet von der Nippon Foundation und der Organisation Nekton.[1] Nach eigener Darstellung ist er die größte Mission zur Entdeckung von Meeresarten. Hinter den Funden steht ein Netzwerk aus mehr als 1.400 Fachleuten für Artbestimmung und anderen Forschenden aus 660 Institutionen in 85 Ländern.[2] Das große Ziel lautet 100.000 neu entdeckte Arten. Der Census nennt das selbst eine kühne Ambition und schätzt, dass sie mindestens eine Milliarde US-Dollar kosten könnte.[1]

Zwischen dem 1. April 2025 und dem 31. März 2026 führte der Ocean Census 13 Expeditionen und 9 Workshops zur Artbestimmung durch, mit Partnern wie JAMSTEC, CSIRO und dem Schmidt Ocean Institute. Das Ergebnis: 1.121 neue Arten, gefunden in Tiefen von bis zu 6.575 Metern. Laut Pressemitteilung vom 19. Mai 2026 ist das ein Sprung von 54 Prozent bei den pro Jahr identifizierten Arten.[2] Die erste Bilanz vom März 2025 hatte 866 neue Arten gemeldet, aus insgesamt zehn Expeditionen und acht Workshops. Die Mai-Meldung bezieht sich dagegen auf das dritte Jahr des Projekts.[3]

Wichtig ist der Unterschied zwischen „entdeckt“ und „beschrieben“. Als entdeckt gilt eine Art, wenn Fachleute anhand von Körperbau und nötigenfalls Erbgut festgestellt haben, dass sie neu für die Wissenschaft ist. Als beschrieben gilt sie erst, wenn Name und Merkmale in einer Fachzeitschrift erschienen und ein Referenzexemplar in einem Museum hinterlegt sind.[1] Bis dahin vergehen im Durchschnitt 13,5 Jahre, und manche Arten sterben möglicherweise aus, bevor sie erfasst sind.[2] Deshalb führt der Census „entdeckt“ als eigenen Status in NOVA, seiner offenen Datenplattform. Sie macht gesammelte Daten innerhalb von Wochen oder sogar Tagen zugänglich.[2]

1.121neue Meeresarten in einem Jahr, von April 2025 bis März 2026
54 %mehr pro Jahr identifizierte Arten, laut Pressemitteilung
13,5 Jahreim Schnitt von der Entdeckung bis zur formalen Beschreibung

Entdeckt ist nicht beschrieben

Die 1.121 Arten gelten laut Census als neu für die Wissenschaft. Ob und wie viele davon schon formal beschrieben sind, nennt die Pressemitteilung nicht. Die Zahl zeigt also das Tempo der Entdeckung, nicht den Stand der offiziellen Artenliste.

Was genau gefunden wurde

Die Pressemitteilung stellt vier Funde genauer vor. Der erste ist der Geisterhai, genau genommen eine Chimäre (Chimaera sp. 1). Sie lebt im Coral Sea Marine Park vor Queensland in 802 bis 838 Metern Tiefe. Das Kürzel „sp. 1“ zeigt, dass die Art noch keinen wissenschaftlichen Namen trägt. Chimären sind entfernte Verwandte der Haie und Rochen, ihre Linie spaltete sich vor fast 400 Millionen Jahren ab. Heute ist ein Drittel der Haie, Rochen und Chimären vom Aussterben bedroht. Gefunden wurde die Art von William White (Taxonomie) auf einer Expedition der australischen Forschungsbehörde CSIRO.[2]

Der zweite Fund ist ein Borstenwurm, Dalhousiella yabukii. Er wohnt in 791 Metern Tiefe auf einem Tiefseeberg im Nordwestpazifik vor Japan in einem Glasschwamm, dessen Skelett aus kristallinem Siliziumdioxid besteht. Benannt ist er nach Akinori Yabuki, dem leitenden Forscher der Expedition. Die Beschreibung erschien 2026 im Zoological Journal of the Linnean Society.[2] Das Forschungsteam sammelte die Tiere mit dem bemannten Tauchboot Shinkai 6500. Im selben Schwamm lebte eine zweite neue Art, Leocratides watanabeae. Beide Würmer sind nicht eng miteinander verwandt, sondern haben sich unabhängig voneinander auf das knappe Angebot an Glasschwämmen spezialisiert.[4]

Der dritte Fund ist ein weniger als drei Zentimeter langer Schnurwurm aus einem bis fünf Metern Tiefe vor Timor-Leste. Seine auffällige Färbung könnte Fressfeinde vor seinen Abwehrstoffen warnen. Gifte dieser Tiergruppe wurden bereits als mögliche Mittel gegen Alzheimer und Schizophrenie untersucht. Der vierte Fund ist eine orange gebänderte Garnele (Caridion sp. 1) aus einer Meereshöhle vor Marseille, bestimmt von Hossein Ashrafi. Der Census liest darin einen Beleg, dass große Entdeckungen auch an Europas Mittelmeerküste noch möglich sind.[2]

Einige oft genannte Funde stammen dagegen aus der früheren Meldung: Die Meeresschnecke Turridrupa magnifica lebt in 200 bis 500 Metern Tiefe vor Neukaledonien und Vanuatu und jagt mit giftigen „Harpunen“. Aus den Giften einer verwandten Schneckenfamilie wurde ein Medikament gegen chronische Schmerzen entwickelt. Ein Gitarrenhai vor Mosambik und Tansania ist erst die 38. bekannte Art seiner Gruppe, von der zwei Drittel der Arten bedroht sind.[3]

Wie wenig bisher bekannt ist

Erstaunlich ist nicht nur, was gefunden wurde, sondern wie viel fehlt. Das World Ocean Review 9 schätzt, dass in den Meeren ein bis zwei Millionen Arten leben. Wissenschaftlich beschrieben sind davon zehn bis 25 Prozent, und pro Jahr kommen etwa 2.300 neu entdeckte Arten hinzu.[5] Der Ocean Census geht davon aus, dass bis zu 90 Prozent der Meeresarten noch unentdeckt sind.[2] Hinzu kommt das Artensterben: Laut Census könnten viele Arten verschwinden, bevor sie überhaupt dokumentiert sind.[2]

Eine grobe Überschlagsrechnung macht die Größenordnung sichtbar. Wenn 75 bis 90 Prozent von ein bis zwei Millionen Arten unbeschrieben sind, sind das etwa 750.000 bis 1,8 Millionen Arten. Bei 2.300 neuen Arten pro Jahr würde es rechnerisch rund 330 bis 780 Jahre dauern, sie alle zu erfassen. Das ist eine eigene Rechnung auf Basis von Schätzungen, keine Prognose.

Noch weniger ist über den Meeresboden bekannt. Eine Studie in Science Advances wertete rund 44.000 Tauchgänge aus. Der tiefe Ozean ab 200 Metern macht 66 Prozent der Erdoberfläche aus, doch visuell beobachtet wurde davon weniger als 0,001 Prozent, ungefähr ein Zehntel der Fläche Belgiens.[6] Die Stichprobe ist zudem sehr einseitig: 65 Prozent der Beobachtungen liegen innerhalb von 200 Seemeilen vor den USA, Japan und Neuseeland. 97 Prozent aller Tauchgänge entfielen auf nur fünf Länder, nämlich die USA, Japan, Neuseeland, Frankreich und Deutschland.[6]

Wer das Wissen über das Meer erzeugt, ist also sehr ungleich verteilt. Der Ocean Census nennt dazu eigene Grundsätze: Proben und Artdaten aus nationalen Gewässern gehören dem jeweiligen Küstenstaat, Daten aus internationalen Gewässern gelten als gemeinsames Gut der Menschheit. Außerdem will er Fachwissen besonders in unterrepräsentierten Regionen aufbauen.[1] Ob das gelingt, lässt sich an den Veröffentlichungen der kommenden Jahre prüfen.

Ohne Kenntnis des Lebens im Meer lässt sich dieses nicht schützen.

Kerngedanke

Entdecken und gleichzeitig gefährden

Genau hier liegt der Widerspruch. Während Forschungsteams neue Arten in der Tiefsee finden, wächst der Druck auf diese Lebensräume. Tiefseebergbau, der industrielle Abbau von Rohstoffen vom Meeresboden, ist umstritten. Die Clarion-Clipperton-Zone im Pazifik zwischen Hawaii und Mexiko, ein Gebiet mit besonders vielen Manganknollen, ist etwa 6 Millionen Quadratkilometer groß. Eine Studie des Senckenberg-Forschungsinstituts von 2018 zeigte nach Angaben der Stiftung Meeresschutz, dass der Abbau von Manganknollen zu massiven, über mehrere Jahrzehnte anhaltenden Artenverlusten führt.[7]

Der Widerstand wächst. Nach Zählung der Deep Sea Conservation Coalition unterstützen inzwischen 46 Länder ein Moratorium, eine vorsorgliche Pause oder ein Verbot. Dazu kommen mehr als 930 Fachleute aus Wissenschaft und Politik in über 70 Ländern.[8] Die Stiftung Meeresschutz nennt als jüngste Schritte Malawi als erstes afrikanisches Land im Mai 2026, Kenia und Madagaskar im Juni sowie Mauritius, Mosambik und die Republik Kongo Ende Juli. Deutschland unterstützt seit 2022 eine vorsorgliche Pause, Frankreich fordert ein dauerhaftes Verbot, und Portugal erließ im April 2025 ein verbindliches Moratorium für seine Gewässer bis 2050.[7]

Gleichzeitig hat sich Deutschland von der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) ein Explorationsgebiet im nordpazifischen Manganknollengürtel zuweisen lassen, rund 75.000 Quadratkilometer und damit größer als Bayern. Die 31. Jahrestagung der ISA endete laut Stiftung ergebnislos.[7] Ein verbindliches globales Moratorium gibt es nach den hier genutzten Quellen bislang nicht.

Zur Einordnung: Die Deep Sea Conservation Coalition und die Stiftung Meeresschutz setzen sich beide für den Schutz der Tiefsee ein. Positionen der Industrie oder der ISA sind hier nicht ausgewertet. Wer sich ein eigenes Bild machen will, liest auch deren Dokumente.

Was die Zahlen leisten, und was nicht

Der Ocean Census zeigt, was koordinierte internationale Forschung schaffen kann. Der Census sieht seine Daten als Grundlage für das UN-Hochseeabkommen und das Kunming-Montreal-Rahmenwerk für biologische Vielfalt, die politische Entscheidungen auf belastbare Artenkenntnis stützen sollen.[2]

Gemessen am Ziel steht das Projekt aber noch am Anfang. Zusammen mit den 866 Arten der ersten Meldung kommt der Census auf knapp 2.000 Arten, sofern sich beide Meldungen nicht überschneiden. Das ist eine eigene Addition. Gemessen an 100.000 sind das rund zwei Prozent. Nekton, die Mitgründerin, sucht 100 Millionen US-Dollar Anschubkapital, um mehr als 75 Millionen bereits zugesagte Dollar freizuschalten.[2] Die Mission hat also gerade erst begonnen, und das Meer hält vermutlich noch viele Überraschungen bereit.

Was du tun kannst

  1. Artporträts und Expeditionsberichte lesen: Der Ocean Census veröffentlicht sie auf oceancensus.org, die Daten stehen offen auf der Plattform NOVA.
  2. Beide Seiten des Tiefseebergbaus anschauen: die Positionen der Stiftung Meeresschutz und der Deep Sea Conservation Coalition ebenso wie die Dokumente der ISA.
  3. Bei Abgeordneten nachfragen, wie sich die deutsche Unterstützung für eine vorsorgliche Pause mit dem deutschen Explorationsgebiet im Pazifik verträgt.

Fazit

1.121 neue Arten in einem Jahr sind ein starkes Signal, aber vor allem ein Hinweis auf das, was noch unbekannt ist. Der Verlust von Arten gehört zu den Krisen, die das Lexikon unter Planetare Grenzen zusammen betrachtet. Ob aus Entdeckungen Schutz wird, entscheidet sich auch daran, ob der Tiefseeboden geschützt oder abgebaut wird, bevor ihn jemand gründlich angesehen hat.

Quellen

[1] Ocean Census: FAQs (abgerufen im Oktober 2026). oceancensus.org

[2] Ocean Census (19.05.2026): Pressemitteilung, 1.121 neue Meeresarten in einem Jahr. oceancensus.org

[3] Ocean Census (10.03.2025): Pressemitteilung, 866 neue Meeresarten. oceancensus.org

[4] Jimi et al. (2026): Single origin and convergent host use of hexactinellid sponge symbiosis in Hesionidae, Zoological Journal of the Linnean Society. doi.org

[5] World Ocean Review 9: Leben im Meer, ein Artenreichtum, der zählt. worldoceanreview.com

[6] Bell et al. (09.05.2025): How little we’ve seen: A visual coverage estimate of the deep seafloor, Science Advances. doi.org

[7] Deutsche Stiftung Meeresschutz: Tiefseebergbau (abgerufen im Oktober 2026). stiftung-meeresschutz.org

[8] Deep Sea Conservation Coalition: Momentum for a Moratorium (abgerufen im Oktober 2026). deep-sea-conservation.org

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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