Nachhaltigkeit

Mikroplastik

Mikroplastik bezeichnet winzige Kunststoffpartikel, die kleiner als 5 mm sind, viele sind so fein, dass sie mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind.

6 Min. LesezeitAktualisiert am 17.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Winzige Kunststoffpartikel, die kleiner als 5 mm sind
Entstehung
Direkt als kleine Teilchen (primär) oder durch den Zerfall größerer Plastikteile (sekundär)
Hauptquellen
Reifenabrieb im Straßenverkehr, synthetische Textilien beim Waschen und Verpackungsmüll
Nachweis
2022 erstmals Kunststoffpartikel im menschlichen Blut (Freie Universität Amsterdam)
Recht
EU-Beschränkung für absichtlich zugesetztes Mikroplastik seit dem 17. Oktober 2023

Einfach erklärt

Mikroplastik bezeichnet winzige Kunststoffpartikel, die kleiner als 5 mm sind, viele sind so fein, dass sie mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind. Sie entstehen entweder direkt als kleine Teilchen, zum Beispiel in Kosmetikprodukten oder auf Kunstrasenplätzen, oder wenn größere Plastikgegenstände durch Sonneneinstrahlung, Wind und Wellen langsam zerfallen.

Das Problem: Plastik baut sich in der Natur kaum ab, ein Zerfall dauert je nach Kunststoffart Jahrzehnte bis Jahrhunderte. Die Teilchen sammeln sich in Böden, Gewässern und Ozeanen an und werden von Tieren und Menschen aufgenommen, über die Nahrungskette, das Trinkwasser oder eingeatmeten Feinstaub. Eine Studie der Freien Universität Amsterdam wies 2022 erstmals Kunststoffpartikel direkt im menschlichen Blut nach. Hauptquellen im Alltag sind Reifenabrieb im Straßenverkehr, synthetische Textilien beim Waschen und Verpackungsmüll.

Was viele nicht wissen: Ein Großteil des Mikroplastiks in der Umwelt stammt nicht aus Kosmetik, sondern aus alltäglichem Verschleiß, allen voran Autoreifen.

Kerngedanke

Das verschiebt die Verantwortung stark von einzelnen Konsumentscheidungen hin zu Industrie und Verkehrspolitik, auch wenn beides zusammenspielt. Wer Mikroplastik grundsätzlich vermeiden will, kommt daher kaum an einer Reduktion von Einwegplastik und synthetischen Materialien insgesamt vorbei, einzelne Produktverbote allein lösen das strukturelle Problem nicht.


Ausführlich erklärt

Primäres und sekundäres Mikroplastik: wo es herkommt

Das Umweltbundesamt unterscheidet primäres Mikroplastik, das gezielt hergestellt und Produkten wie Kosmetika, Reinigungsmitteln oder Farben absichtlich beigefügt wird, von sekundärem Mikroplastik, das erst durch den Zerfall größerer Plastikteile entsteht, etwa Reifenabrieb, abgelöste Textilfasern oder Fahrbahnabrieb.

Reifenabrieb gilt nach aktuellem Kenntnisstand als größte Einzelquelle für sekundäres Mikroplastik. Schätzungen der TU Berlin gehen von rund 100.000 bis über 140.000 Tonnen Reifenabrieb aus, die jährlich allein in Deutschland anfallen und teilweise in Böden und Gewässer gelangen. Zum Vergleich: Das absichtlich zugesetzte, primäre Mikroplastik in Kosmetik und Haushaltsprodukten macht davon nur einen kleinen Bruchteil aus, ist aber politisch leichter zu regulieren, weil es sich um klar benennbare Produktinhaltsstoffe handelt statt um diffusen Verkehrsabrieb. Auch synthetische Textilien, wie sie in der Fast Fashion besonders häufig verarbeitet werden, setzen beim Waschen kontinuierlich feine Kunstfasern frei, die klassische Kläranlagen nur teilweise herausfiltern können.

Besonders problematisch ist sogenanntes Nanoplastik, Partikel unter 1 Mikrometer (ein Tausendstel Millimeter), das biologische Barrieren wie die Darmwand oder die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann. Je kleiner die Partikel, desto schwieriger sind sie zu messen, und desto weniger ist über ihre Wirkung im Körper bekannt.

Weniger bekannte Quellen

Zu den weniger bekannten Quellen zählen außerdem Kunstrasenplätze, deren Granulatfüllung über Jahre in angrenzende Böden und Gewässer eingetragen wird, sowie Baustellen und die Abfallentsorgung selbst, wo bereits vorhandenes Plastik weiter zerkleinert wird. Auch Farb- und Lackabsplitterungen, etwa von Gartenmöbeln, Nagellack oder Schiffsanstrichen, zählen zu den Hauptquellen, sind aber im öffentlichen Bewusstsein deutlich weniger präsent als Kosmetik oder Plastiktüten.

Was die Wissenschaft über Gesundheitsrisiken weiß

2022 gelang Forscher*innen der Freien Universität Amsterdam um Heather Leslie ein Novum: Sie wiesen erstmals Kunststoffpartikel im Blut von 22 gesunden Proband*innen nach, in 17 der 22 Proben oberhalb der Nachweisgrenze, mit einer mittleren Gesamtkonzentration von 1,6 Mikrogramm Plastik pro Milliliter Blut. Gefunden wurden unter anderem PET (bekannt aus Getränkeflaschen), Polystyrol (Verpackungsmaterial) und Polyethylen (Plastiktüten). Die Studie zeigte damit erstmals, dass Plastikpartikel tatsächlich in den menschlichen Blutkreislauf gelangen, machte aber ausdrücklich keine Aussage darüber, ob das gesundheitlich schädlich ist.

Genau diese Unsicherheit spiegelt sich auch in offiziellen Einschätzungen wider. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kam 2019 in einem Bericht zu Mikroplastik im Trinkwasser zu dem Schluss: Nach aktuellem, wenn auch begrenztem Kenntnisstand scheine Mikroplastik im Trinkwasser bei den heute gemessenen Mengen kein Gesundheitsrisiko darzustellen, größere Partikel über 150 Mikrometer würden vom Körper wahrscheinlich gar nicht aufgenommen. Gleichzeitig betonte die WHO, dringend mehr über die gesundheitlichen Auswirkungen von Mikroplastik erfahren zu müssen, weil es inzwischen überall vorkomme, gerade zu sehr kleinen Partikeln sei die Datenlage weiterhin extrem dünn. Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) stuft die Risiken durch Mikroplastik in Lebensmitteln als derzeit schwer quantifizierbar ein und sieht weiteren Forschungsbedarf als dringend an.

17 von 22Blutproben lagen 2022 in der Amsterdamer Studie oberhalb der Nachweisgrenze
1,6 MikrogrammPlastik pro Milliliter Blut betrug die mittlere Gesamtkonzentration
150 Mikrometergrößere Partikel würden vom Körper laut WHO (2019) wahrscheinlich gar nicht aufgenommen

Die EU-Beschränkung: was sie wirklich regelt

Seit dem 17. Oktober 2023 gilt in der EU mit der Verordnung (EU) 2023/2055 eine Beschränkung für absichtlich zugesetztes Mikroplastik, rechtlich verankert als neuer Eintrag in Anhang XVII der REACH-Chemikalienverordnung. Sofort verboten wurden lose Kunststoff-Glitter für Bastel- und Spielzwecke, ausgenommen sind biologisch abbaubare, lösliche, natürliche oder anorganische Materialien sowie Mikroplastik, das dauerhaft in eine Matrix eingebettet ist, etwa Glitzer in Farbe oder Klebstoff.

Für Kosmetik und Waschmittel gelten gestaffelte Übergangsfristen statt eines Sofortverbots: Abspülkosmetik wie Peelings oder Duschgel muss bis zum 16. Oktober 2027 umgestellt werden, Kosmetik zum Auftragen wie Cremes bis 2029, Make-up sowie Lippen- und Nagelpflegeprodukte erst bis 2035, dort allerdings bereits ab 2031 mit einer Kennzeichnungspflicht. Bereits vor dem Stichtag 17. Oktober 2023 hergestellte Produkte dürfen weiterhin verkauft werden, bis die Lagerbestände aufgebraucht sind.

Kontroverse: Verbraucher- oder Systemverantwortung?

Die REACH-Beschränkung zeigt exemplarisch ein Muster, das in der Mikroplastik-Debatte immer wiederkehrt: Politisch reguliert wird vor allem das primäre Mikroplastik in Konsumprodukten, weil es sich klar benennen und in Produktrezepturen austauschen lässt. Reifenabrieb als größte Einzelquelle bleibt dagegen weitgehend unreguliert, obwohl er die Kosmetik-Mengen um ein Vielfaches übersteigt, unter anderem, weil eine Reifenabrieb-Regulierung tief in Verkehrspolitik, Fahrzeuggewicht und Reifentechnik eingreifen würde.

Kritiker*innen werfen der aktuellen Regulierungspraxis deshalb vor, das sichtbarste, aber nicht das größte Problem anzugehen, und damit auch die Verantwortung tendenziell auf einzelne Konsumentscheidungen zu verschieben, etwa die Wahl des richtigen Duschgels, statt strukturelle Ursachen wie Autoverkehr und Textilproduktion in den Blick zu nehmen. Befürworter*innen halten dagegen, dass jede regulierte Quelle ein echter Fortschritt ist und Verkehrsabrieb technisch schwieriger zu reduzieren sei als ein Produktinhaltsstoff, etwa weil leichtere Reifen oft auf Kosten der Sicherheit oder Lebensdauer gehen.

Für den Alltag bedeutet das nicht, dass einzelne Entscheidungen wertlos sind, sondern dass sie realistisch eingeordnet werden sollten, ohne den Anspruch, damit im Alleingang eine ganze Umweltkrise zu lösen. Wer bei Kosmetik auf Mikroplastik achtet, seltener mit dem Auto fährt, synthetische Kleidung seltener wäscht oder auf eine funktionierende Kreislaufwirtschaft für Textilien und Verpackungen setzt, reduziert die eigene Mikroplastik-Bilanz tatsächlich messbar. Wer sich davon aber eine Lösung des Gesamtproblems erhofft, wird enttäuscht: Ohne regulatorischen Druck auf Reifen-, Bau- und Textilindustrie bleibt der große Teil der Mikroplastik-Menge in der Umwelt unangetastet.

Quelle: Leslie et al. (2022): Discovery and quantification of plastic particle pollution in human blood, Environment International / WHO (2019): Microplastics in drinking-water / Europäische Kommission: Commission Regulation (EU) 2023/2055 / BUND / TU Berlin: Mikroplastik durch Reifenabrieb

Verwandte BegriffeVegane Kosmetik

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