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In 800 Metern Tiefe, irgendwo in der Korallensee, lebt ein Geisterhai. Kein Märchentier. Eine reale neue Art, beschrieben im Mai 2026 von einem Forschungsnetzwerk, das in einem einzigen Jahr 1.121 bisher unbekannte Meeresarten entdeckt hat.
Wie der Ocean Census funktioniert
Der Ocean Census ist die größte Artentdeckungsmission, die je im Meer durchgeführt wurde. Gegründet von der Nippon Foundation und Nekton, arbeiten inzwischen über 1.400 Taxonom*innen und Wissenschaftler*innen aus 660 Institutionen in 85 Ländern zusammen. Ihr Ziel: innerhalb eines Jahrzehnts 100.000 bisher unbekannte Meeresarten zu entdecken, zu benennen und wissenschaftlich zu beschreiben.
Zwischen April 2025 und März 2026 führte das Netzwerk 13 Expeditionen durch, in Tiefen bis zu 6.575 Metern. Ergebnis: 1.121 neue Arten in einem Jahr. Das entspricht einem Anstieg von 54 Prozent gegenüber dem Vorjahr, als das Projekt bereits 866 neue Arten verzeichnet hatte.
Was genau gefunden wurde
Ein Geisterhai (Chimaera sp. 1) aus der australischen Korallensee, in Tiefen zwischen 802 und 838 Metern. Ein Ringelwurm namens Dalhousiella yabukii, der ausschließlich in Glasschwämmen lebt, 791 Meter unter der Oberfläche. Eine Garnele aus einer Meereshöhle nahe Marseille. Eine Schnecke (Turridrupa magnifica) aus Tiefen zwischen 200 und 500 Metern, mit giftigen Harpunen, die in der Schmerzforschung relevant werden könnten.
Die Fundorte verteilen sich über Australien, Japan, Timor-Leste, das Mittelmeer, Mosambik, Tansania, Neukaledonien, Neuseeland und die Arktis. Jede Region lieferte Arten, die kein Mensch je zuvor gesehen hatte.
Wie wenig wir bisher wissen
Das Erstaunliche ist nicht nur, was gefunden wurde. Es ist, wie viel noch fehlt.
Das World Ocean Review 9 schätzt: In den Meeren leben zwischen 1 und 2 Millionen Arten. Wissenschaftlich beschrieben sind davon 10 bis 25 Prozent. Weltweit werden jährlich etwa 2.300 neue Meeresarten entdeckt. Das klingt viel. Es reicht aber nicht, um die Wissenslücke zu schließen.
Laut Deutscher Stiftung Meeresschutz wurden bisher nur 0,001 Prozent des Tiefseebodens je von Menschenaugen gesehen. Was wir nicht kennen, können wir nicht schützen.
Entdecken und gleichzeitig gefährden
Genau hier liegt der Widerspruch. Während Forschungsteams neue Arten in der Tiefsee finden, wächst der Druck auf genau diese unerforschten Lebensräume. Tiefseebergbau, der industrielle Abbau von Rohstoffen vom Meeresboden, ist politisch und wissenschaftlich hoch umstritten.
Die Clarion-Clipperton-Zone im Pazifik, eines der geplanten Hauptabbaugebiete, umfasst 6 Millionen Quadratkilometer. Wie viele Arten dort leben, ist weitgehend unbekannt. Über 500 Wissenschaftler*innen aus 44 Ländern haben formell gewarnt, dass die Folgen irreversibel wären.
Inzwischen sprechen sich 41 Nationen gegen den Tiefseebergbau aus: darunter Deutschland, Frankreich und Portugal, aber auch Antigua und Barbuda sowie seit Mai 2026 Malawi als erstes afrikanisches Land. Ein globales Moratorium wurde bislang nicht beschlossen.
Warum das gerade eine gute Nachricht ist
Das Ocean Census-Netzwerk hat in kurzer Zeit gezeigt, was koordinierte internationale Forschung leisten kann. Neue Technologien, von Tiefseerobotern bis zu DNA-Barcoding, verkürzen den Weg von der Probe zur beschriebenen Art von Jahren auf Wochen.
Die Zieldekade endet 2033. Bis dahin sollen 100.000 neue Arten dokumentiert sein. Kumuliert stehen bisher rund 2.000. Die Mission hat gerade erst angefangen. Und der Ozean zeigt keine Anzeichen, mit den Überraschungen aufzuhören.
Wer tiefer einsteigen möchte: Der Ocean Census veröffentlicht Expeditionsberichte und Artporträts auf oceancensus.org. Über Meeresschutz und konkrete Positionen zum Tiefseebergbau informiert die Deutsche Stiftung Meeresschutz.
Quellen: Ocean Census: 1.121 neue Arten (Mai 2026) · Ocean Census: 866 neue Arten (März 2025) · World Ocean Review 9: Leben im Meer · Deutsche Stiftung Meeresschutz: Tiefseebergbau







