- Bedeutung
- Bevorzugung oder Abwertung von Menschen nach der Helligkeit ihrer Haut, auch innerhalb derselben Gruppe
- Geprägt von
- Alice Walker, in einem Essayband von 1983
- Abgrenzung
- Rassismus wirkt zwischen Gruppen, Colorismus ordnet zusätzlich innerhalb von Gruppen
- Wirkungsfelder
- Bildung, Einkommen, Strafverfolgung, Partnerwahl, Schönheitsnormen
Inhaltshinweis
Dieser Eintrag beschreibt Diskriminierung, die Abwertung dunklerer Haut und die gesundheitlichen Folgen von Hautaufhellern. Wer das gerade nicht lesen möchte, kann ihn später öffnen.
Einfach erklärt
Colorismus bezeichnet die ungleiche Behandlung von Menschen nach der Helligkeit ihrer Haut, auch innerhalb derselben Gruppe. Menschen mit hellerer Haut werden dabei häufig bevorzugt, Menschen mit dunklerer Haut abgewertet. Den Begriff prägte die Schriftstellerin Alice Walker: Sie beschrieb ihn sinngemäß als vorurteilsbehaftete oder bevorzugende Behandlung von Menschen derselben Gruppe, allein aufgrund ihrer Hautfarbe.
Colorismus ist mit Rassismus verwandt, aber nicht dasselbe. Rassismus wertet ganze Gruppen ab. Colorismus stuft zusätzlich die Menschen innerhalb einer Gruppe nach dem Hautton. Hunter (2007) fasst für die USA zusammen: Hellere Haut verschafft Menschen of Color Vorteile bei Einkommen, Bildung, Wohnen und auf dem Heiratsmarkt, auch wenn andere Hintergrundmerkmale berücksichtigt werden.
Merke
Colorismus betrifft nicht nur Schwarze Menschen. Studien dokumentieren ihn auch bei Latinx und Asian Americans, und er ist weltweit verbreitet. Er entschuldigt keinen Rassismus und ersetzt ihn nicht, er kommt zu ihm hinzu.
Ausführlich erklärt
Begriff und Abgrenzung
Alice Walker verwendete den Begriff in ihrem Essay „If the Present Looks Like the Past, What Does the Future Look Like?“, der 1983 im Essayband „In Search of Our Mothers‘ Gardens“ erschien. Hunter (2007) versteht Colorismus als Prozess der Stratifizierung nach Hautfarbe und beschreibt ihn als direkt verbunden mit dem größeren System des Rassismus in den USA und weltweit. Zugleich nennt dieselbe Arbeit einen Widerspruch: Dunkelhäutige Menschen of Color gelten oft als ethnisch authentischer als hellhäutige. Hellere Haut ist also nicht in jeder Hinsicht ein Vorteil, aber bei Einkommen, Bildung, Wohnen und Partnerwahl zeigt sie klare Vorteile.
Woher Colorismus kommt
Eine einzige Ursprungsgeschichte gibt es nicht. Ellis und Destine (2023) sehen Colorismus in der Institution der Sklaverei verwurzelt und verbinden die Vorliebe für helle Haut mit der historischen Konstruktion von Weißsein. Das passt zu den kolonialen und rassistischen Hierarchien, die auch der Eintrag zu strukturellem Rassismus beschreibt. Für Asien dagegen halten Dixon und Telles (2017) fest, dass Hautfarbe und Colorismus sich dort getrennt von den vergleichsweise jungen Konzepten Rasse und Rassismus entwickelt haben. Erst in jüngerer Zeit verbänden sich Farbbewusstsein und weiße Vorherrschaft zunehmend, globalisiert und kommerzialisiert. Die oft gehörte Aussage, Colorismus sei überall ein reines Erbe des Kolonialismus, ist deshalb zu pauschal.
Was Studien für die USA zeigen
Monk (2014) wertete die National Survey of American Life (2001 bis 2003) aus. Bei Schwarzen Menschen in den USA hing der Hautton deutlich mit Bildungsabschluss, Haushaltseinkommen und beruflichem Status zusammen, sogar mit Hautton und Bildung der jeweiligen Ehepartnerperson. Monk (2021) zeichnet die Entwicklung über ein Jahrhundert nach und zeigt, dass die Hautton-Schichtung auch bei Latinx und Asian Americans fortbesteht. Bei Gericht fanden Viglione et al. (2011) bei mehr als 12.000 Schwarzen Frauen, die zwischen 1995 und 2009 in North Carolina inhaftiert waren: Frauen, die Vollzugsbeamte als heller einstuften, erhielten mildere Strafen und saßen kürzer.
Ob Hautton selbst die Ursache ist, ist umstritten. Bucca (2024) wertet zwei US-Befragungen aus und findet: Dunklere Haut geht innerhalb von Gruppen mit schlechteren Bildungs- und Einkommenswerten einher. Ursächliche Effekte des Hauttons zeigen sich in den Daten aber nur teilweise, nämlich beim Studienabschluss Weißer und beim Familieneinkommen hispanischer Befragter. Für Schwarze Befragte deuten die Ergebnisse eher auf eine allgemeine Benachteiligung durch das Schwarzsein als auf eine Abstufung nach Hautton. Das schwächt Colorismus nicht als Phänomen, es zeigt aber, wie schwierig er statistisch von Rassismus zu trennen ist.
Migration, Lateinamerika und andere Weltregionen
Auch Zugewanderte sind betroffen. Han (2020) beobachtete bei dunkelhäutigen Zugewanderten in den USA einen steileren beruflichen Abstieg bei der Ankunft und einen langsameren Aufstieg danach, auch unter Berücksichtigung von Bildung, Sozialkapital, Herkunftsland und Visumsart. Hersch (2024) fand, dass Zugewanderte aus Ländern mit dunklerer Hautfarbe weniger verdienen, auch bei umfangreichen Kontrollvariablen. In acht lateinamerikanischen Ländern hing dunklere Haut laut Telles et al. (2015) durchgehend mit weniger Schuljahren zusammen, und Hautfarbenmessung erfasste Ungleichheiten, die Volkszählungskategorien übersehen.
Hautaufhellung als Folge
Hautaufheller verkaufen Menschen eine Lösung für ein Problem, das erst durch die Abwertung dunkler Haut entsteht.
Kerngedanke
Eine Meta-Analyse von Sagoe et al. (2019) (68 Studien, 67.665 Teilnehmende) schätzt die weltweite Lebenszeitprävalenz des Hautbleichens auf 27,7 %. Die Studien sind sehr verschieden, die Zahl ist ein grober Richtwert. Männer lagen mit 28,0 % in der Auswertung nach Untergruppen über dem Durchschnitt. Hautbleichen ist also kein reines Frauenthema. Die WHO nennt die Hautaufhellungsbranche eine der am schnellsten wachsenden Beautybranchen und schätzt sie auf 31,2 Milliarden US-Dollar bis 2024. In Indien macht sie laut WHO die Hälfte des Hautpflegemarkts aus, Produkte mit und ohne Quecksilber zusammengenommen.
Die Folgen können gefährlich sein. Quecksilberhaltige Cremes und Seifen können laut WHO unter anderem Nieren schädigen. Eine Untersuchung der Zero Mercury Group von 2017 und 2018 fand bei 34 von 338 Cremes aus 22 Ländern (10 %) mehr als 1 ppm Quecksilber, die Werte reichten von 93 ppm bis über 16.000 ppm. Nach der Minamata-Konvention müssen die Vertragsstaaten nach 2020 Herstellung, Einfuhr und Ausfuhr solcher Kosmetika verbieten, einige haben Ausnahmen bis 2025 angemeldet. Auch die EU hat laut WHO Vorschriften, die quecksilberhaltige Kosmetika verbieten.
Unilever kündigte im Juni 2020 an, die Wörter „fair“, „white“ und „light“ aus Verpackungen und Kommunikation zu entfernen und den Namen der Marke Fair & Lovely zu ändern. Die Marke heißt heute Glow & Lovely. Unilever betont, das Produkt sei nie ein Bleichmittel gewesen. Nach der Umbenennung ist das Produkt weiter am Markt. Mehr zu körperbezogener Abwertung steht im Eintrag zu Bodyshaming.
Colorismus in Deutschland
Für Deutschland führen die herangezogenen Quellen keine Studie, die Hautton-Abstufungen innerhalb einer Gruppe misst. Belegt ist aber Diskriminierung nach Aussehen: Polavieja et al. (2023) verschickten Bewerbungen mit zufällig variierten Fotos in Deutschland, den Niederlanden und Spanien (12.783 Bewerbende). Das äußere Erscheinungsbild wirkte in Deutschland und den Niederlanden eigenständig auf die Rückmeldungen der Arbeitgebenden. Das beschreibt Phänotyp-Gruppen, nicht einzelne Hauttöne. Wie Geschlecht, Herkunft und Klasse zusammenwirken, erklärt der Eintrag zu Intersektionalität.
Was der Begriff nicht sagt
Colorismus ist keine Ersatzbezeichnung für Rassismus und kein Wettbewerb darum, wer stärker betroffen ist. Studienzahlen beschreiben Gruppen und Zusammenhänge, nicht einzelne Personen, und die Ursachenfrage ist bei Ungleichheit nach Hautton offen. Der Begriff benennt die Abstufung innerhalb von Gruppen und ergänzt damit den Eintrag zu Anti-Schwarzem Rassismus.
Quellen: Walker, A. (1983). In Search of Our Mothers‘ Gardens: Womanist Prose. Harcourt Brace Jovanovich / Hunter (2007), Sociology Compass 1(1) / Monk (2014), Social Forces 92(4) / Monk (2021), Daedalus 150(2) / Viglione et al. (2011), The Social Science Journal 48(1) / Bucca (2024), Sociological Science 11 / Han (2020), Demography 57(2) / Hersch (2024), Frontiers in Sociology 9 / Telles et al. (2015), Research in Social Stratification and Mobility 40 / Dixon und Telles (2017), Annual Review of Sociology 43 / Ellis und Destine (2023), Sociology Compass 17(8) / Sagoe et al. (2019), International Journal of Dermatology 58(1) / Polavieja et al. (2023), Socio-Economic Review 21(3) / WHO: Mercury in skin lightening products (Stand November 2019) / Unilever, Pressemitteilung vom 25.06.2020 / Hindustan Unilever: Markenseite Glow & Lovely
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