Neurodivergenz

Reizüberflutung und Umwelt: Wie Lärm, Licht und Gerüche Neurodivergente besonders treffen

Reizüberflutung bei Autismus und ADHS: Was Studien zu Lärm, Licht und Gerüchen zeigen und wie Stille Stunde und reizarme Läden helfen.

8 Min. Lesezeit12. August 2026
Little person headphones

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Das Wichtigste in Kürze
  • Meta-Analysen zeigen bei Autismus und ADHS häufiger auffällige Sinnesverarbeitung, die Ausprägung streut aber stark.
  • Lärm betrifft viele: Allein an den betrachteten Hauptverkehrsstraßen sind in Deutschland rund 17,3 Millionen Menschen Pegeln über 55 Dezibel ausgesetzt.
  • Eine Stille Stunde hilft, reicht laut Forschung aber nicht aus: Es braucht dauerhaft weniger Reize, klare Orientierung und Rückzugsorte.

Gleichmäßig helles Licht, Hintergrundmusik, Durchsagen, der Geruch von Reinigungsmitteln: Ein durchschnittlicher Supermarkt fällt vielen kaum auf. Für andere ist er ein Ort, an dem Reizüberflutung zur Tagesaufgabe wird. Sie betrifft besonders neurodivergente Personen, also etwa autistische Menschen und Personen mit ADHS.

Dieser Artikel ordnet ein, was Studien zur Sinnesverarbeitung tatsächlich zeigen, wie verbreitet Lärm in Deutschland ist und welche Veränderungen in Läden und Räumen belegt oder zumindest erprobt sind. Er zeigt auch, wo die Datenlage dünn ist.

Was Reizüberflutung bedeutet

Reizüberflutung heißt: Der Körper nimmt über die Sinne so viele Eindrücke gleichzeitig auf, dass sie sich nicht mehr verarbeiten lassen. Das kann Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Tasten betreffen, einzeln oder kombiniert, kurz oder über lange Zeit.[1] Eine eigene Diagnose ist das nicht, sondern die Beschreibung eines Zustands.

In der Autismusforschung rückt dieses Feld seit einigen Jahren nach vorn. Ein Überblick in Nature Reviews Neuroscience stellt fest, dass die Überarbeitung der Diagnosekriterien die Sinnesverarbeitung als eigenen Bereich autistischen Erlebens stärker in den Blick gebracht hat.[2]

Autismus: nicht nur zu viel, auch zu wenig

Eine Meta-Analyse von 14 Studien fand bei autistischen Personen deutlich häufiger Auffälligkeiten der Sinnesverarbeitung als bei Vergleichsgruppen ohne Autismus. Am größten war der Unterschied bei Unterempfindlichkeit, gefolgt von Überempfindlichkeit und Reizsuche.[3] Sinnesunterschiede gehen bei Autismus also in beide Richtungen. Wie stark sie ausfallen, hängt laut derselben Auswertung unter anderem vom Alter, von der Ausprägung des Autismus und von der gewählten Vergleichsgruppe ab.[3]

Welche Folgen starke Empfindlichkeit haben kann, zeigt eine Auswertung von 63 Artikeln mit 11.659 autistischen Teilnehmenden unter 65 Jahren. Überempfindlichkeit, besonders beim Sehen, Hören und Tasten, hing deutlich mit mehr nach innen und nach außen gerichteten psychischen Problemen zusammen.[4] Das ist ein Zusammenhang, kein Beweis für Ursache und Wirkung. Die Autorinnen und Autoren nennen fehlende Langzeitstudien selbst als Lücke.[4]

ADHS: Sinnesunterschiede werden oft übersehen

Auch bei ADHS zeigt sich ein Muster. Eine Meta-Analyse von 2025 wertete 30 Studien mit 5.374 Teilnehmenden aus, 23 davon zu Kindern und 7 zu Erwachsenen. Fragebögen ergaben bei ADHS in mehreren Bereichen deutlich stärkere Auffälligkeiten: bei Empfindlichkeit, beim Vermeiden von Reizen, bei geringer Wahrnehmung von Reizen und bei Reizsuche.[5] Reizüberflutung und Reizhunger können bei ADHS also nebeneinander stehen.

Das Team nennt zwei Einschränkungen selbst: Die Ergebnisse streuten stark zwischen den Studien, und nur 9 der 30 Studien hatten insgesamt ein niedriges Risiko für Verzerrungen. Trotzdem empfiehlt es, Sinnesverarbeitung bei der ADHS-Abklärung systematisch zu erfragen, weil gängige klinische Leitlinien sie nicht ausdrücklich erwähnen.[5]

Was diese Studien nicht sagen

Meta-Analysen vergleichen Gruppen. Sie sagen nicht, wie stark eine einzelne Person betroffen ist.

Viele Studien stützen sich auf Fragebögen, und die Ergebnisse streuen stark. Bei ADHS betrafen nur 7 der 30 Studien Erwachsene.

Lärm: mehr als ein Komfortproblem

Das Umweltbundesamt wertet die Lärmkarten der EU-Umgebungslärmrichtlinie aus. Sie erfassen in Deutschland 72 Ballungsräume mit rund 25,5 Millionen Einwohnenden, 52.000 Kilometer Hauptverkehrsstraßen, 13.000 Kilometer Haupteisenbahnstrecken und alle neun Großflughäfen. Allein an den betrachteten Straßen sind rund 17,3 Millionen Personen Pegeln von über 55 Dezibel im Tag-Abend-Nacht-Index ausgesetzt. Bei solchen Pegeln können laut Umweltbundesamt erhebliche Belästigungen und Störungen der Kommunikation auftreten.[6] Für diese Gebiete mussten Lärmkarten bis zum 30. Juni 2022 und Lärmaktionspläne bis zum 18. Juli 2024 vorliegen.[6]

Wichtig für die Einordnung: Die Zahl gilt für alle Menschen an diesen Straßen und sagt nichts über Neurodivergenz. Ob autistische Personen oder Personen mit ADHS stärker durch Lärm belastet sind, lässt sich daraus nicht ablesen. Die Sinnesstudien oben machen es aber plausibel, dass derselbe Pegel manche mehr Kraft kostet. Das Umweltbundesamt hält zudem fest, dass chronischer Lärmstress krank machen kann.[6]

Licht, Gerüche, Temperatur: das Beispiel Supermarkt

Die University of Reading erforscht seit Jahren, warum Supermärkte für autistische Personen und Personen mit Sinnesverarbeitungsunterschieden so schwierig sind. Zum Projekt gehörte ein Supermarkt-Modell in Originalgröße, in dem Ansätze gegen Reizüberlastung erprobt wurden. Zu den häufigsten Problemen zählten helles Licht, laute Geräusche, starke Gerüche und wechselnde Temperaturen.[7]

Der daraus entstandene Leitfaden wurde zusammen mit autistischen Personen entwickelt und richtet sich an Kundschaft und Beschäftigte gleichermaßen. Er nennt sechs Prinzipien:

  • Reize verringern, zum Beispiel Hintergrundmusik entfernen und streng riechende Reinigungsmittel meiden.
  • Verständnis verbessern, etwa durch Schulungen für alle Beschäftigten.
  • Vorhersehbarkeit erhöhen, etwa mit einem Lageplan, der Kühltheken oder Obst und Gemüse ausweist, und mit klarer Beschilderung.
  • Mehr Platz geben, zum Beispiel durch gesteuerte Engstellen und Vorrangkassen.
  • Passende Anpassungen nutzen, etwa Sunflower-Lanyards kennen und ruhige Stunden häufiger und bequemer anbieten.
  • Erholung ermöglichen, zum Beispiel mit einem ruhigen Bereich oder Sitzgelegenheiten.[7]

Eine Umfrage der britischen Organisation Autistica unter 120 autistischen Personen und Familien kam schon 2018 zu ähnlichen Ergebnissen: 98 Prozent sagten, Autismus mache das Einkaufen schwerer, drei Viertel nannten volle Läden und Lärm als Problem, 49 Prozent die Durchsagen. Laut dem Bericht hatten bis zu 80 Prozent der Befragten das Einkaufen im Laden aufgegeben.[8] Autistica rechnete daraus, dass den Supermärkten wöchentlich rund 13,5 Millionen Pfund entgehen. Die University of Reading nennt dieselbe Größenordnung mit mehr als 700 Millionen Pfund im Jahr und verweist auf einen veröffentlichten Bericht.[7] Die Zahl ist also eine Hochrechnung aus einer kleinen Befragung, keine Messung.

6Prinzipien nennt der Reading-Leitfaden für reizärmere Supermärkte
98 %der befragten autistischen Personen und Familien erleben Einkaufen als schwerer
13,5 Mio. £entgehen dem britischen Handel laut Autistica pro Woche, hochgerechnet aus 120 Befragten

Ruhige Stunden helfen: Laut Autistica erleichterten sie 67 Prozent der Befragten das Einkaufen.[8] Die Leiterin des Reading-Projekts nennt sie trotzdem nur einen guten ersten Schritt. Sie lägen oft zu ungünstigen Zeiten und lösten nur das Lärmproblem. Auch Online-Einkauf sei keine Lösung, weil dort neue Hürden entstünden, etwa fremde Personen an der Haustür oder ersetzte und fehlende Artikel.[7]

Die Stille Stunde in Deutschland

Die Idee kommt aus Neuseeland: Dort führten Beschäftigte der Supermarktkette Countdown 2018 eine ruhige Stunde ein. In Deutschland trägt der gemeinnützige Verein gemeinsam zusammen e.V. sie seit 2023 als Kampagne. Das Prinzip ist einfach: Einmal pro Woche dimmt ein Laden für eine Stunde das Licht und schaltet Musik und Durchsagen ab.[9]

Auf der Teilnehmerliste stehen am 14. Oktober 2026 insgesamt 326 Einträge, darunter 198 Supermärkte, 62 Einzelhandelsgeschäfte, 9 Museen und 6 Cafés. Die Initiative selbst spricht von über 300 Orten, bis hin zu Arztpraxen.[10][9] Die Zahlen ändern sich laufend. Wie viele davon die Stille Stunde tatsächlich regelmäßig anbieten, lässt sich der Liste nicht entnehmen.

Die Initiative richtet sich nicht nur an autistische Personen. Als Betroffene nennt sie auch Personen mit neurologischen Erkrankungen, chronischen Schmerzen oder Erschöpfung, psychischen Beeinträchtigungen und Sinnesbeeinträchtigungen.[1] Dahinter steht ein Gedanke zu nicht sichtbaren Behinderungen:

Gegen mobile Barrieren wird gebaut. Gegen unsichtbare Barrieren hilft dagegen oft das Gegenteil: etwas weglassen.

Kerngedanke der Initiative Stille Stunde

Die Initiative unterscheidet vier Arten unsichtbarer Barrieren: sensorische (Lärm, grelles Licht, Berührung, Gerüche), chemische (Duftstoffe, Reinigungsmittel, schlechte Luft), kommunikative und soziale. Einzeln seien sie vielleicht auszuhalten, in der Summe wirkten sie als Barriere.[9] Auch für Arbeitsplätze nennt die Initiative Beispiele: Rückzugsorte, alternative Pausen und Aufgaben mit weniger Kundenkontakt.[1] Zusammen mit den Ergebnissen aus Reading folgt daraus: Die Stille Stunde ist ein Einstieg, kein Endpunkt.

Am 20. Oktober 2026 ist laut Initiative der Tag der nicht sichtbaren Behinderungen. Jeder Laden, jede Praxis, jede Schule und jedes Amt kann mitmachen, zum Beispiel mit einer Stillen Stunde.[9]

Was du tun kannst

  1. Eine Stille Stunde in deiner Nähe finden: Die Teilnehmerliste auf stille-stunde.com lässt sich nach Region durchsuchen und nach Kategorien filtern.[10]
  2. Im eigenen Laden nachfragen: Musik aus, ein Lageplan mit Hinweisen auf laute oder kühle Bereiche und ein ruhiger Platz sind Punkte aus dem Reading-Leitfaden.[7]
  3. Als Geschäft oder Einrichtung mit Kundenverkehr mitmachen: Eintragen kannst du dich auf stille-stunde.com.[1]
  4. Reize im eigenen Umfeld prüfen: Läuft im Büro, im Verein oder bei einer Veranstaltung ungefragt Musik, gibt es starke Düfte oder grelles Licht? Weglassen kostet oft nichts.
  5. Beim Lärm nachhaken: Gehört deine Stadt zu den erfassten Ballungsräumen, kannst du bei der Gemeinde nach dem Lärmaktionsplan fragen.[6]

Ausblick

Die Studien zeigen, wie unterschiedlich Sinnesverarbeitung ausfallen kann. Die Umgebung ist die andere Hälfte der Gleichung, und sie lässt sich verändern. Reizärmere Räume nehmen niemandem etwas weg, sie öffnen sie für mehr Personen.

Offen bleibt, was davon in Deutschland messbar wirkt. In den geprüften Quellen fand sich keine deutsche Wirkungsstudie zur Stillen Stunde, die Befragungsdaten stammen aus Großbritannien. Sicher ist nur: Wer fragt, ob Musik und Licht gerade nötig sind, schafft oft schon die erste Entlastung.

Quellen

[1] Stille Stunde (gemeinsam zusammen e.V.): Was steckt dahinter? Abgerufen im Oktober 2026. stille-stunde.com

[2] Robertson, C. E., Baron-Cohen, S. (2017): Sensory perception in autism. Nature Reviews Neuroscience. PubMed

[3] Ben-Sasson, A. et al. (2009): A meta-analysis of sensory modulation symptoms in individuals with autism spectrum disorders. Journal of Autism and Developmental Disorders. PubMed

[4] Chen, Y. et al. (2024): A systematic review and meta-analysis of the relationship between sensory processing differences and internalising/externalising problems in autism. Clinical Psychology Review. PubMed

[5] Jurek, L. et al. (2025): Sensory Processing in Individuals With Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Compared With Control Populations: A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry. PubMed

[6] Umweltbundesamt (zuletzt aktualisiert am 06.05.2025): Gesundheitsrisiken durch Umgebungslärm. umweltbundesamt.de

[7] University of Reading (23.04.2024): Autism-friendly supermarkets need more than quiet hours. reading.ac.uk

[8] The Grocer (08.02.2018): Most autistic people avoid supermarkets, report finds (Bericht über die Umfrage von Autistica). thegrocer.co.uk

[9] Stille Stunde (gemeinsam zusammen e.V.): Startseite und Impressum, abgerufen im Oktober 2026. stille-stunde.com

[10] Stille Stunde: Teilnehmerliste, abgerufen am 14.10.2026 (326 Einträge). stille-stunde.com

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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