- 19 von 99 untersuchten Städten haben Feinstaub (PM2,5) und Stickstoffdioxid (NO2) zwischen 2010 und 2024 um mindestens 20 Prozent gesenkt, Peking den Feinstaub um 48 Prozent, Warschau um 46 Prozent.
- Gemeinsam ist den 19 Städten ein Bündel aus öffentlichen Messdaten, mehr Rad- und Fußverkehr, elektrischen Bussen, Zonen für ältere Fahrzeuge und dem Abschied von Kohle beim Heizen. Welche Maßnahme wie viel brachte, trennt der Bericht nicht.
- Auch in Deutschland bleibt Luft nach oben: Auf Basis der Messwerte von 2025 läge der NO2-Wert an 39 Prozent der Stationen über dem ab 2030 geltenden EU-Grenzwert.
Warschau hat seine Feinstaubbelastung zwischen 2010 und 2024 um 46 Prozent gesenkt, Peking um 48 Prozent. Berlin und Heidelberg stehen ebenfalls auf der Erfolgsliste, zusammen mit 15 weiteren Städten.[1]
Das zeigt der Bericht „Breathe Better: How Leading Cities Have Rapidly Cut Air Pollution“ der Initiative Breathe Cities, die ihn am 11. März 2026 bei der Better Air Quality Conference in Bangkok vorstellte.[2] Dieser Artikel ordnet ein, was die Zahlen belegen, was sie nicht belegen und was die neue EU-Luftqualitätsrichtlinie für deutsche Städte bedeutet.
Was der Bericht zeigt
Breathe Cities ist eine Initiative von Bloomberg Philanthropies, dem Städtenetzwerk C40 Cities und dem Clean Air Fund. Der Bericht wertet für alle 99 Städte der Netzwerke C40 und Breathe Cities die Jahresmittelwerte von Feinstaub (PM2,5) und Stickstoffdioxid (NO2) aus und vergleicht die Jahre 2010 und 2024. 19 Städte aus 9 Ländern senkten beide Schadstoffe um mindestens 20 Prozent, einzelne erreichten bei einem Schadstoff Rückgänge von 45 Prozent und mehr.[1] Fast die Hälfte dieser 19 Städte liegt in Zentral- und Ostasien.[2]
Beim Feinstaub gelang Peking (minus 48 Prozent) und Warschau (minus 46 Prozent) der größte Rückgang. Beim NO2 waren es die niederländischen Städte Amsterdam (minus 44 Prozent) und Rotterdam (minus 43 Prozent). Paris senkte beide Werte um je 32 Prozent, Brüssel den Feinstaub um 42 Prozent.[1]
Warum Feinstaub und Stickstoffdioxid zählen
Laut Bericht verursacht Luftverschmutzung Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen und trifft einkommensschwächere Viertel häufiger. Ältere Menschen sind für Erkrankungen durch PM2,5 besonders anfällig, PM2,5 hängt außerdem mit Frühgeburten und niedrigem Geburtsgewicht zusammen. NO2 steht stark mit Asthma bei Kindern in Verbindung.[1]
Die WHO schätzt, dass Luftverschmutzung im Freien 2019 weltweit 4,2 Millionen vorzeitige Todesfälle verursachte, 89 Prozent davon in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Zusammen mit der Luftverschmutzung in Innenräumen sind es 6,7 Millionen Todesfälle pro Jahr. 99 Prozent der Weltbevölkerung lebten 2019 an Orten, an denen die WHO-Richtwerte für die Luftqualität nicht eingehalten wurden.[3]
Dass die Belastung ungleich verteilt ist, gehört zum Thema Umweltgerechtigkeit. Saubere Luft ist deshalb auch eine soziale Frage, nicht nur eine technische.
Was diese Städte getan haben
Der Bericht beschreibt sieben Bausteine, die sich in den 19 Städten wiederfinden. Hier die wichtigsten, mit Beispielen aus dem Bericht.[1]
Messen und Daten veröffentlichen
Fast alle 19 Städte haben Verzeichnisse ihrer Emissionen und Pläne zur Luftreinhaltung erstellt, die meisten machen ihre Messdaten öffentlich zugänglich. Peking betreibt mehr als 70 Referenzstationen und über 1.000 dicht verteilte Sensoren, London hat zusammen mit Schulen, Krankenhäusern und Gruppen vor Ort ein Sensornetz aufgebaut, dessen Daten alle einsehen können.[1]
Platz für Rad- und Fußverkehr
Warschau erweiterte sein Radnetz von 275 Kilometern im Jahr 2010 auf über 870 Kilometer bis 2025. Brüssel verdoppelte seine Radwege, schuf rund 40.000 sichere Fahrradstellplätze und machte einen großen Teil der Innenstadt zur Fußgängerzone. Paris richtete rund 300 Schulstraßen ein, in denen Autos rund um Schulen eingeschränkt sind.[1]
Busse, Bahnen und Elektroautos
Die meisten der 19 Städte haben ihr Nahverkehrsnetz seit 2010 ausgebaut oder modernisiert. Shenzhen stellte als erste Großstadt der Welt seine gesamte Busflotte auf Strom um, in Heidelberg fahren über 60 Prozent der Busse elektrisch, in London 25 Prozent, die übrigen erfüllen dort den Abgasstandard Euro 6.[1] Die Städte treiben damit auch die Elektromobilität voran, teils mit Ladepflichten für Neubauten, wie in Shenzhen und San Francisco.[1]
Ältere Fahrzeuge ausschließen, Betroffene unterstützen
London weitete seine Ultra Low Emission Zone auf die gesamte Stadt aus. Wer ein älteres Fahrzeug fuhr, konnte über ein Abwrackprogramm Geld für das Verschrotten oder Nachrüsten bekommen, was Menschen und Betriebe mit weniger Mitteln entlastete. Brüssel machte 2018 die ganze Stadt zur Umweltzone, Paris führte 2016 als erste französische Stadt eine ein, Berlin hat eine für die Innenstadt.[1]
Heizen ohne Kohle
Peking modernisierte 28.000 Megawatt an Kohlekesseln und stellte 1,3 Millionen Haushalte von Kohle auf Gas oder Strom um, mit Zuschüssen. In Warschau war Kohle zum Heizen für rund die Hälfte der Feinstaubbelastung verantwortlich. Die Stadt verbot ab 2017 bestimmte Kohle- und Holzkessel und zahlte Haushalten Hilfen für den Umstieg, was die Zahl der verbotenen Kessel um 80 Prozent senkte. Seit 2023 gilt in Warschau ein vollständiges Verbot, Wohnhäuser mit Kohle zu heizen.[1]
Auch die Bundes- und Landesebene zählt: Alle 19 Städte liegen in Ländern oder Regionen mit relativ strengen Abgasstandards für neue Fahrzeuge, in Europa Euro 5 seit 2009 und Euro 6 seit 2014. Die Kohlestromerzeugung in Europa sank seit 2012 um fast ein Drittel, was nach dem Bericht die Grundbelastung ganzer Regionen senkt (Kohleausstieg).[1]
Einordnung
Der Bericht ist keine Rangliste von Maßnahmen. Er führt die Rückgänge nicht auf einzelne Maßnahmen zurück und gewichtet sie nicht, sondern sucht Gemeinsamkeiten. Beim Beispiel Paris nennt er neben örtlichen Maßnahmen auch allgemein sinkende Abgase des Straßenverkehrs als Ursache.
Zur Datenbasis: Die Werte stammen aus standardisierten Datensätzen, die Satelliten- und Messdaten verbinden, verglichen wird nur ein Jahr mit einem anderen. Städte mit wenigen Messstationen sind unsicherer. Aufgenommen wurden nur Städte mit starkem Rückgang in beiden Schadstoffen. Und Breathe Cities stellt auch die eigene Arbeit dar: Vier der 19 Städte, Brüssel, London, Paris und Warschau, sind selbst Breathe Cities.
Saubere Luft entsteht nicht von allein: Sie braucht gezielte, koordinierte Politik, die über Jahre durchgehalten wird.
Kerngedanke
Was das für Deutschland bedeutet
Berlin und Heidelberg stehen auf der Liste. Berlin baute seit 2010 die S-Bahn aus, richtete eine Umweltzone für die Innenstadt ein und setzte strenge Abgasstandards für Baumaschinen durch. Heidelberg setzt auf ein dichtes Radwegenetz und neue Stadtteile wie Vauban und Bahnstadt, die Rad- und Fußverkehr bevorzugen.[1]
Nach den vorläufigen Zahlen des Umweltbundesamts (UBA) hat Deutschland 2025 die geltenden EU-Grenzwerte für Feinstaub und NO2 an allen Messstationen eingehalten. Beim NO2 gelang das 2024 erstmals überall. Im Jahr 2025 stieg die Belastung leicht an, was das UBA mit ungünstiger Witterung erklärt. An verkehrsnahen Stationen lag der NO2-Mittelwert bei rund 23 Mikrogramm je Kubikmeter, zwischen 2000 und 2010 waren es noch 45 bis 50.[4]
Mit der Richtlinie (EU) 2024/2881 werden die Grenzwerte ab dem 1. Januar 2030 deutlich strenger: Beim Feinstaub PM2,5 sinkt der Jahresgrenzwert von 25 auf 10 Mikrogramm je Kubikmeter, beim PM10 von 40 auf 20, beim NO2 von 40 auf 20. Die Umsetzung in nationales Recht ist bis zum 11. Dezember 2026 vorgesehen.[5] Außerdem sollen Menschen, die durch vorsätzliche oder fahrlässige Verstöße von Behörden gegen bestimmte Vorgaben der Richtlinie gesundheitlich geschädigt werden, Entschädigung verlangen können (Artikel 28).[5]
Rechnet das UBA die Messwerte von 2025 auf die künftigen Grenzwerte um, läge der NO2-Wert an 39 Prozent der Stationen darüber, der PM2,5-Wert an 18 Prozent. An den strengeren WHO-Richtwerten (NO2 10, PM2,5 5 Mikrogramm je Kubikmeter) gemessen sind es 77 und 98 Prozent. Das UBA rechnet damit, dass bis 2030 nur noch bei PM2,5 und NO2 Überschreitungen bleiben, und hält eine flächendeckende Einhaltung bis 2035 für möglich. Wo künftige Grenzwerte ab 2026 überschritten werden, müssen Luftqualitätsfahrpläne erstellt werden.[4]
Europaweit zeigt die Europäische Umweltagentur: Die vorzeitigen Todesfälle durch Feinstaub über dem WHO-Richtwert von 5 Mikrogramm sanken in der EU zwischen 2005 und 2023 um 57 Prozent. Trotzdem waren es 2023 noch 182.000, und 95 Prozent der städtischen Bevölkerung Europas atmen Luft oberhalb der WHO-Empfehlungen.[6] Der Trend stimmt, das Ziel ist noch nicht erreicht.
Was das für die Debatte vor Ort bedeutet
Luftverschmutzung wirkt oft wie ein Problem, das Einzelne nicht beeinflussen können. Der Bericht zeigt das Gegenteil: Städte, die gezielt handeln, erreichen innerhalb von 10 bis 15 Jahren messbare Ergebnisse. Cecilia Vaca Jones, Direktorin von Breathe Cities, sagt zum Bericht sinngemäß, der Weg zu saubererer Luft sei im großen Maßstab erprobt, nun gehe es darum, dass mehr Städte ihn gehen.[2]
Direkt weiterlesen
Der vollständige Bericht „Breathe Better“ steht auf breathecities.org kostenlos zum Download bereit, mit Beispielen aus allen 19 Städten. Ein konkretes Argument für die nächste Stadtratssitzung oder lokale Klimadebatte.
Was du tun kannst
- Schau nach, wie die Luft in deiner Stadt ist: Das Luftdaten-Portal und die App „Luftqualität“ des Umweltbundesamts zeigen aktuelle Messwerte und die Werte der Stationen aus den letzten Jahren.[7]
- Frag bei Stadt oder Land nach, ob die Messwerte vor Ort die ab 2030 geltenden Grenzwerte erreichen (PM2,5 10, NO2 20 Mikrogramm je Kubikmeter) und ob ein Luftqualitätsfahrplan nötig ist.[4]
- Bring konkrete Beispiele mit: Der Bericht beschreibt zu jedem Baustein Städte, die es gemacht haben. Das taugt für eine Frage in der Fragestunde für Einwohnende, einen Antrag oder die Arbeit einer lokalen Initiative.[1]
Fazit
19 Städte zeigen, dass sich Feinstaub und Stickstoffdioxid innerhalb von 10 bis 15 Jahren deutlich senken lassen. Was davon welcher Maßnahme zu verdanken ist, beantwortet der Bericht nicht. Für Deutschland entscheidet sich ab 2030 an den strengeren Grenzwerten, ob die Luft in den Städten wirklich sauber genug wird.
Quellen7
- [1] Breathe Cities (März 2026): Breathe Better, How leading cities have rapidly cut air pollution (Bericht, PDF). breathecities.org (PDF)
- [2] Breathe Cities (11.03.2026): New Breathe Cities Research Shows Cities Leading on Air Quality Action Cut Air Pollution by Over 20% (Pressemitteilung). breathecities.org
- [3] WHO, Weltgesundheitsorganisation (Oktober 2024): Ambient (outdoor) air pollution, Fact sheet. who.int
- [4] Umweltbundesamt (Februar 2026): Luftqualität 2025, Vorläufige Auswertung (hintergrund). umweltbundesamt.de
- [5] Richtlinie (EU) 2024/2881 vom 23. Oktober 2024 über Luftqualität und saubere Luft für Europa, Amtsblatt vom 20.11.2024, Anhang I und Artikel 28. eur-lex.europa.eu
- [6] EEA, Europäische Umweltagentur (01.12.2025): Harm to human health from air pollution in Europe, burden of disease status 2025. eea.europa.eu
- [7] Umweltbundesamt: Luftqualität, Luftdaten-Portal und App Luftqualität (Stand 18.11.2025). umweltbundesamt.de



