- Ort
- Region Tarapacá im Norden Chiles, rund um die Stadt Alto Hospicio bei Iquique
- Was
- Mehrere wilde Deponien für Altkleider, Schuhe, Reifen und Bauschutt in der Atacama-Wüste
- Einfuhr
- rund 59.000 Tonnen Altkleidung pro Jahr in die Freizone Iquique (AFP, 2021)
- Verbleib
- mindestens 39.000 Tonnen pro Jahr bleiben unverkauft und landen in der Wüste (AFP, 2021)
- Rechtslage
- Textilien seit Juni 2025 prioritäres Produkt der chilenischen Herstellerverantwortung
- Streitfrage
- Wer trägt die Kosten für Kleidung, die im Globalen Norden aussortiert wird?
Einfach erklärt
Die Atacama im Norden Chiles gilt als trockenste Wüste der Welt. Rund um die Stadt Alto Hospicio bei der Hafenstadt Iquique liegen dort Berge aus weggeworfener Kleidung. Das Bild ging um die Welt, weil die Halden so groß sind, dass sie auf Satellitenbildern zu erkennen sind: Earth.com zeigt ein hochauflösendes Bild vom Januar 2022.
Die Kleidung kommt nicht aus Chile, sondern aus Europa, Asien und den USA. Sie wird in großen Mengen als Gebrauchtware eingeführt, von Händlerinnen und Händlern sortiert und weiterverkauft. Was sich nicht verkaufen lässt, bleibt liegen und wird in der Wüste abgeladen oder verbrannt. Das Umweltministerium Chiles spricht selbst von illegalen Deponien, vor allem in der Region Tarapacá.
Merke
Die Atacama ist keine Naturkatastrophe und kein chilenisches Sonderproblem, sondern der Endpunkt eines globalen Handels mit aussortierter Kleidung.
Ausführlich erklärt
Warum die Kleidung gerade hier ankommt
Zentrale Drehscheibe ist die Freizone von Iquique, die laut watson.ch seit 1975 besteht. Dort fallen keine Zölle an. Nach der UNECE, der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa, verlangt Chile für Kleidung weder Zoll noch Mengengrenzen. Verlangt wird nur, dass Lieferungen mit Begasung desinfiziert werden. Viele andere Länder Lateinamerikas, darunter Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Mexiko und Peru, haben nach der UNECE Einfuhrverbote für Altkleider eingeführt, um ihre heimische Textilindustrie zu schützen. Chile wurde so zu einem der zehn größten Importeure weltweit und zum größten in Lateinamerika. Die UNECE beziffert die Einfuhr 2021 auf 126.000 Tonnen, davon 40 % über den Hafen von Iquique.
Der AFP-Bericht von 2021 nennt rund 59.000 Tonnen pro Jahr für die Freizone in Alto Hospicio. Händler aus der Hauptstadt Santiago kaufen einen Teil, ein weiterer Teil wird in andere Länder Lateinamerikas geschmuggelt. Mindestens 39.000 Tonnen lassen sich nicht verkaufen und landen auf Müllkippen in der Wüste. Ein früherer Mitarbeiter des Hafens erklärte der AFP, was nicht verkauft werde, bleibe in der Freizone, weil niemand die Zölle zahle, um es abzutransportieren. Kommunale Deponien nehmen die Kleidung laut einem Unternehmer nicht an, weil sie nicht biologisch abbaubar sei und Chemikalien enthalte.
Was die Zahlen sagen und was nicht
Die Angaben unterscheiden sich je nach Quelle, weil sie Verschiedenes messen. Die AFP zählt die Freizone, die UNECE das ganze Land, das chilenische Umweltministerium nennt für 2022 mehr als 131.000 Tonnen eingeführte Gebrauchtkleidung. Von dieser Menge seien etwa 70 % auf Deponien, Kleinstmüllkippen oder illegalen Müllhalden gelandet, besonders in Tarapacá. Die UNECE schreibt, 75 % der eingeführten Gebrauchtkleidung seien nicht wiederverwendbar gewesen und 30.000 Tonnen davon bedeckten heute 30 Hektar der Wüste.
Für die Menge, die jedes Jahr illegal abgeladen wird, nennt watson.ch rund 40.000 Tonnen als Schätzung. Das ist keine gemessene Zahl, sondern eine Größenordnung, die zur Angabe der AFP passt. Wer genau wie viel dort ablädt, ist öffentlich nicht belegt.
Folgen für Boden, Luft und Anwohnende
Aktivistinnen betonen laut AFP, dass die Kleidung Boden, Luft und Grundwasser belaste. Sie sei voller Chemikalien, brauche bis zu 200 Jahre zum Abbau und brenne leicht, die Brände seien giftig. Genaue Abbauzeiten sind Schätzungen: Pressetexte nennen für Polyester auch 500 Jahre, ein gesicherter Messwert fehlt. Oft zu lesen ist auch, die Textildeponien hätten einzelne Kakteenarten ausgerottet. Das lässt sich nicht belegen. Der Kakteenforscher Pablo Guerrero sagte der AFP, einzelne Arten gälten wegen Verschmutzung, Klimawandel und Besiedelung als ausgestorben. Die Textilien nennt er dabei nicht.
Ein großer Teil der Kleidung besteht aus Kunstfasern, die langfristig Mikroplastik freisetzen können. Das Umweltministerium Chiles führt in der Strategie 2040 Boden-, Luft- und Wasserverschmutzung, die Freisetzung von Mikroplastik und Folgen für benachteiligte Gemeinden als Folgen der Textilabfälle auf. Der Bürgermeister von Alto Hospicio, Patricio Ferreira, sagte der AFP, die Stadt sei nicht mehr nur der lokale Hinterhof, sondern der Hinterhof der Welt, „was noch schlimmer ist“. Er beklagte fehlendes Bewusstsein und fehlende Verantwortung und sagte, die Gemeinde fühle sich im Stich gelassen.
Das Urteil von 2025
Die Anwältin Paulina Silva Heredia reichte 2022 eine Klage gegen den Staat und die Gemeinde Alto Hospicio ein. Anfang September 2025 gab ihr der Erste Umweltgerichtshof in Antofagasta recht. Er stellte laut Radio Universidad de Chile fest, dass sich Textilien, Reifen, Bauschutt und andere Abfälle seit mindestens 2012 in vier Gebieten angesammelt haben: Pampa Norte, Pampa Sur, Mollecita Norte und Mollecita Sur. Der Boden habe seine Funktionen verloren, das Landschaftsbild sei schwer beeinträchtigt. Das Gericht verurteilte den Staat zu einem Reparaturplan binnen sechs Monaten, mit Bestandsaufnahme, Abtransport der Abfälle, Bodensanierung, Landschaftswiederherstellung, Beteiligung der Bevölkerung und Kontrolle. Die Gemeinde traf nach dem Urteil keine Schuld, ihre Maßnahmen wurden aber als unzureichend bewertet.
Laut Earth.com legte die staatliche Rechtsvertretung, der Consejo de Defensa del Estado, Rechtsmittel beim Obersten Gerichtshof ein, sodass das Urteil nach Berichten vom Juli 2026 noch nicht rechtskräftig ist. Das konnte für diesen Eintrag nicht an der Gerichtsakte geprüft werden.
El Desconcierto berichtet außerdem, der eine große Haufen, der auf den Luftbildern zu sehen war, sei nach der weltweiten Verbreitung der Bilder verbrannt worden. Seitdem verteile sich die Kleidung auf viele kleinere Halden, was die Kontrolle erschwere.
Was sich politisch ändert
Chile hat am 16. Juni 2025 mit der Resolución Exenta Nº 3914 Textilien zum prioritären Produkt der Herstellerverantwortung nach dem Gesetz Nr. 20.920 erklärt (erweiterte Herstellerverantwortung, englisch Extended Producer Responsibility). Das bedeutet, dass Importeure und Hersteller künftig für das Einsammeln und Verwerten ihrer Textilien zahlen sollen. Konkrete Sammel- und Verwertungsquoten legt erst eine spätere Verordnung fest. Die Strategie für Textilien bis 2040 des Umweltministeriums nennt vier Ziele: weniger Überkonsum, mehr formale Arbeit in der Kreislaufwirtschaft, mehr Verwertung von Textilabfällen und das Verhindern und Beseitigen illegaler Deponien.
Auch in der EU gilt inzwischen Neues: Die Richtlinie (EU) 2025/1892 verpflichtet die Mitgliedstaaten, für Textilien eine erweiterte Herstellerverantwortung einzuführen, Umsetzung bis zum 17. Juni 2027. Ob und wie das die Exporte in Länder wie Chile verändert, ist offen.
Zur Datenlage
Die Mengen in diesem Eintrag stammen aus Presseberichten der AFP, einer Pressemitteilung der UNECE und einer Resolution des chilenischen Umweltministeriums. Sie messen Verschiedenes und lassen sich nicht zu einer einzigen Zahl zusammenfügen. Eine unabhängige Zählung der Deponien nach Gewicht ist hier nicht belegt. Stimmen der Händlerinnen und Händler, die von der Gebrauchtkleidung leben, kommen in den ausgewerteten Quellen nur am Rande vor. Die UNECE betont ausdrücklich, dass der Handel auch Arbeit und Einkommen für viele Menschen schafft.
Wie solche Handelsketten über Fast Fashion entstehen, erklärt der Eintrag Fast Fashion. Ein Gegenstück in Westafrika beschreibt der Eintrag Kantamanto Market, Ostafrika der Eintrag Mitumba. Die ungleiche Verteilung solcher Lasten behandelt der Eintrag Umweltgerechtigkeit.
Quellen: AFP (08.11.2021): Chile’s desert dumping ground for fast fashion leftovers, veröffentlicht bei Al Jazeera / AFP (30.11.2022): Chile’s unique Atacama desert sullied by world’s junk, veröffentlicht bei Prothom Alo / UNECE (23.07.2024): Pressemitteilung zur UNECE-CEPAL-Studie Reversing direction in the used clothing crisis, wiedergegeben bei Textination / Ministerio del Medio Ambiente Chile (2025): Resolución Exenta Nº 6770, Estrategia de Economía Circular para Textiles al 2040 / Garrigues (30.06.2025): Textilien als siebtes prioritäres Produkt der Ley REP, Resolución Exenta Nº 3914/2025 / Radio Universidad de Chile (09.09.2025): Tribunal obliga al Estado a reparar daño ambiental en Alto Hospicio / El Desconcierto (08.09.2025): Daño ambiental por vertedero de ropa del desierto deberá ser reparado por el Estado / Earth.com (31.07.2026): Satellitenbild und Stand des Verfahrens / Richtlinie (EU) 2025/1892 zur Änderung der Richtlinie 2008/98/EG über Abfälle, Amtsblatt vom 26.09.2025 / watson.ch (09.06.2023): So landen Altkleider auf dem Abfallberg der chilenischen Atacama-Wüste