Nachhaltigkeit

Mitumba (Secondhand-Kleidung Ostafrika)

Mitumba heißt in Ostafrika gebrauchte Kleidung. Einkommen, Textilabfall, Importverbot und der Streit mit den USA: Zahlen, Quellen und offene Fragen.

7 Min. LesezeitAktualisiert am 17.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Kiswahili für Ballen oder Bündel, in Ostafrika das Wort für importierte Gebrauchtkleidung
Region
Ostafrika, vor allem Kenia und Tansania
Menge
185.000 Tonnen Gebrauchtkleidung importierte Kenia 2019 (Angabe in einem Greenpeace-Bericht)
Handelskonflikt
Importverbot der East African Community ab 2016 geplant, Gegenwehr der USA, Ruanda hielt an höheren Zöllen fest
Streitfrage
Wie groß ist der Abfallanteil in den Ballen, und wer trägt die Kosten?

Einfach erklärt

„Mitumba“ ist Kiswahili und bedeutet Ballen oder Bündel. In Ostafrika heißt so die gebrauchte Kleidung, die in gepressten Ballen aus Europa, Nordamerika und weiteren Ländern ankommt und über Großhändler, Märkte und Straßenstände weiterverkauft wird. Kenia ist laut Greenpeace Deutschland der größte Importeur der Region: Im Jahr 2019 kamen dort 185.000 Tonnen gebrauchter Kleidung an. Für viele ist Mitumba keine Notlösung, sondern erste Wahl. Eine Lehrerin aus Moshi in Tansania sagte Welt-Sichten, sie finde dort Kleidung, die andere nicht tragen.

Zugleich steckt in den Ballen Ware, die sich nicht verkaufen lässt. Wie groß dieser Anteil ist, wird bestritten: Greenpeace und die Organisation Changing Markets nennen hohe Werte, eine Studie im Auftrag eines Sortierunternehmens widerspricht. Dazu kommt ein Handelskonflikt: Die East African Community (EAC) beschloss 2016 laut Greenpeace, Importe von Gebrauchtkleidung bis 2019 zu verbieten. Die USA wehrten sich, Kenia, Uganda und Tansania gaben nach, Ruanda blieb bei höheren Zöllen. Ab dem 31. Juli 2018 setzten die USA die Zollfreiheit für Bekleidung aus Ruanda aus.

Merke

Mitumba ist Einkommensquelle für viele Händlerinnen und Händler und zugleich ein Ablageplatz für die Überproduktion der Modeindustrie. Beides lässt sich belegen, und keine Aussage hebt die andere auf.

185.000 tGebrauchtkleidung importierte Kenia 2019 (Greenpeace Deutschland)
900 Mio.Kleidungsstücke gingen 2021 nach Kenia (Schätzung von Changing Markets)
2,50 $Einfuhrzoll pro Kilogramm in Ruanda nach der Erhöhung (Africanews)

Ausführlich erklärt

Wie Gebrauchtkleidung nach Ostafrika kam

Laut Greenpeace kam Mitumba Ende der 1980er Jahre auf den Kontinent, zu einer Zeit, als die lokale Textilindustrie noch blühte und hohe Zölle sie schützten. Mit der wirtschaftlichen Liberalisierung der frühen 1990er Jahre sanken die Zölle, die Branche stand plötzlich unter neuem Wettbewerb. Welt-Sichten beschreibt 2012 denselben Zusammenhang aus Sicht der Strukturanpassungsprogramme: Weltbank und Internationaler Währungsfonds knüpften Schuldenerleichterungen daran, Subventionen für die Textil- und Bekleidungsindustrie zu streichen. Fabriken in Ghana, Kenia, Uganda, Tansania oder Kamerun mussten Baumwolle zum Weltmarktpreis kaufen und schlossen oft. Gebrauchtkleidung füllte die Lücke.

Arbeit und Einkommen

Der Handel braucht wenig Startkapital und bietet deshalb vor allem Frauen und Jugendlichen Einkommen. Welt-Sichten zitiert eine Studie von Simone Field für die University of Sussex: Allein auf dem Gikomba-Markt in Nairobi arbeiteten demnach 12.000 Menschen im Handel mit Gebrauchtkleidung, mehr als die Hälfte hatte zuvor keine oder nur tageweise Arbeit. In Tansania schätzt ein von Greenpeace zitierter Bericht von 2017, dass von 720 Millionen jährlich konsumierten Kleidungsstücken 540 Millionen gebraucht sind, also drei Viertel. Welt-Sichten rechnet 2012 eine Preiskette vor: Ein Baumwollhemd mittlerer Qualität kostet den Importeur in Europa etwa 60 Eurocent, die Kundin zahlt rund 2 Euro. Billige Kunstfaserware aus China ist oft günstiger, trotzdem kehren laut dem Beitrag viele zu gebrauchter Baumwolle zurück, wegen Haltbarkeit und Hautverträglichkeit in Hitze und Feuchtigkeit.

Schuld am Niedergang der Textilindustrie?

Die Debatte wird oft als Entweder-oder erzählt: hier Gebrauchtkleidung, dort lokale Fabriken. Brooks und Simon (2012) halten fest, dass afrikanische Bekleidungsindustrien seit den frühen 1980er Jahren schrumpften, während die Gebrauchtimporte stiegen. Ob beides ursächlich zusammenhängt, sei wegen der Datenlage schwer zu bestimmen. Sie nennen weitere Faktoren: sinkende Kaufkraft und die Öffnung der Märkte für billige neue Kleidung. Welt-Sichten verweist 2012 auf Südafrika und Nigeria, wo ein Importverbot seit Jahrzehnten gilt und die Textilindustrie den Bedarf trotzdem nicht deckte. Ein Verbot allein löst das Problem demnach nicht.

Importverbot und Streit mit den USA

Die Chronologie lässt sich aus US-Dokumenten belegen. Laut dem Federal Register entschied die EAC im März 2016, ein Importverbot für Gebrauchtkleidung und Schuhe schrittweise einzuführen. Am 21. März 2017 reichte der US-Verband Secondary Materials and Recycled Textiles Association (SMART) eine Petition ein. Er sah die US-Branche für Gebrauchtkleidung geschädigt. Die Handelsbeauftragte der USA leitete daraufhin am 20. Juni 2017 eine Überprüfung für Ruanda, Tansania und Uganda ein, nicht aber für Kenia: Kenia hatte Zollerhöhungen zum 1. Juli 2017 zurückgenommen und zugesagt, Importe nicht strenger zu beschränken, als es der Gesundheitsschutz verlangt.

Nach Angaben von Africanews erhöhte Ruanda die Zölle auf Gebrauchtkleidung von 20 Cent auf 2,50 US-Dollar pro Kilogramm, Uganda und Tansania nahmen ihre Erhöhungen auf das Niveau vor 2016 zurück. Kenia hatte 2017 fast 340 Millionen US-Dollar an Bekleidung zollfrei in die USA geliefert. Mit der Proklamation 9771 vom 30. Juli 2018 setzte der US-Präsident die Zollfreiheit für alle begünstigten Bekleidungswaren aus Ruanda aus, wirksam ab 31. Juli 2018. Ruanda blieb Teilnehmer des Handelsprogramms AGOA, nur der Bekleidungssektor verlor den Vorzug. Die Proklamation nennt die Gebrauchtkleidung nicht als Grund. Sie folgt aber auf die Überprüfung, die wegen der Petition begann. Greenpeace ergänzt, dass auch die Zollerhöhungen Probleme brachten: Ladungen blieben im Hafen von Mombasa liegen, Regierungen lockerten die Beschränkungen wieder. Dieser Abschnitt beschreibt den Stand bis 2018, aktuelle Zollsätze wurden nicht geprüft.

Abfall und Umwelt

Für Kenia schreibt Greenpeace unter Berufung auf Africa Collect Textiles, 30 bis 40 % der Mitumba seien so schlecht, dass sie nicht mehr verkauft werden können. Bei 185.000 Tonnen wären das 55.500 bis 74.000 Tonnen Textilabfall, rund 150 bis 200 Tonnen am Tag. Der Bericht nennt als Ablageorte unter anderem die Deponie Dandora in Nairobi und Pugu Kinywamwezi in Daressalam und weist darauf hin, dass amtliche Daten zum Abfallanteil fehlen.

Changing Markets schätzt für 2021 mehr als 900 Millionen Kleidungsstücke, die nach Kenia gingen. Bis zu 458 Millionen davon seien Abfall, bis zu 307 Millionen enthielten Kunstfasern. Händler berichteten, dass 20 bis 50 % der Ware in ihren Ballen unverkäuflich ist. Greenpeace spricht von „Waste Colonialism“, Abfallkolonialismus: Die Folgen der Überproduktion würden in den Globalen Süden verlagert. Der Begriff knüpft an den Kolonialismus an. Für Ghana nennt der Bericht 15 Millionen Kleidungsstücke pro Woche, von denen schätzungsweise 40 % als Abfall enden, auf dem Markt, den der Eintrag Kantamanto Market beschreibt.

Zur Datenlage

Greenpeace und Changing Markets sind Kampagnenorganisationen und stützen sich auf Schätzungen und Befragungen. Dagegen kommt das schwedische Institut IVL im Mai 2025 zu einem anderen Ergebnis, im Auftrag von Humana Lithuania, einem Sortierunternehmen. Der Bericht findet für die untersuchte Lieferkette (Schweden, Litauen, Oman, Kenia) keinen Beleg für Dumping. Kenia erhebe Abgaben von etwa 40 % der Versandkosten, rund 0,62 Euro je Kilogramm, sodass ein Import allein zur Entsorgung kein tragfähiges Geschäftsmodell sei. Die Untersuchungen betrachten unterschiedliche Lieferketten, deshalb schließen sich die Befunde nicht zwingend aus. Eine unabhängige Messung des Abfallanteils liegt nach den ausgewerteten Quellen nicht vor.

Was daraus folgt

Gebrauchte Kleidung in einen Container zu geben, beendet ihren Weg nicht, und amtliche Daten zum Verbleib fehlen. Greenpeace verlangt deshalb, Fast Fashion massiv zu bremsen und den Export von Textilabfall gesetzlich zu verbieten. Der Eintrag Fast Fashion erklärt, warum zu viel produziert wird, der Eintrag Textilmüllwüste Atacama zeigt einen vergleichbaren Ort in Südamerika. Initiativen vor Ort arbeiten mit dem, was schon da ist: Greenpeace stellt etwa die Taschenmarke Suave in Kenia vor, die gebrauchte Textilien vom Gikomba-Markt weiterverarbeitet. Mehr zu diesem Prinzip steht im Eintrag Upcycling.

Quellen: Greenpeace Deutschland (04/2022): Poisoned Gifts, From donations to the dumpsite / Welt-Sichten (26.10.2012): Afrika braucht das Gebrauchte / Brooks und Simon (2012): Unravelling the Relationships between Used-Clothing Imports and the Decline of African Clothing Industries, Development and Change / USTR (20.06.2017): Out-of-Cycle Review of Rwanda, Tanzania, and Uganda, Federal Register 82 FR 28217 / Proclamation 9771 vom 30.07.2018, Federal Register 83 FR 37993 / Africanews: Rwanda maintains ban on used clothes despite U.S. threats / Changing Markets Foundation (02/2023): Trashion, The stealth export of waste plastic clothes to Kenya / IVL Swedish Environmental Research Institute (05/2025): From Collection of Used Clothes in Sweden to Reuse in Kenya, Report C10063

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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