- Gemeint
- Interessenkonflikt zwischen gesellschaftlichen Klassen
- Verbreitet durch
- Manifest der Kommunistischen Partei, Februar 1848
- Umstritten
- Ob heute von Klassen, Schichten oder Milieus zu sprechen ist
- Zahlenstand
- 17. Oktober 2026
Einfach erklärt
Klassenkampf bezeichnet den Interessenkonflikt zwischen gesellschaftlichen Gruppen mit unterschiedlicher wirtschaftlicher Stellung. Klassisch gemeint sind Menschen, die von ihrer Lohnarbeit leben, und Menschen, denen Betriebe, Fabriken oder Kapital gehören. Karl Marx und Friedrich Engels machten den Begriff mit dem Manifest der Kommunistischen Partei von 1848 weltbekannt. Sie sahen in diesem Konflikt die treibende Kraft der Geschichte.
Heute wird der Begriff auf zwei Arten benutzt. Die Sozialwissenschaft verwendet die Klasse als Werkzeug, um Ungleichheit zu beschreiben, etwa die Verteilung von Vermögen und Einkommen. In der Politik ist Klassenkampf dagegen oft ein Kampfwort: Für die einen benennt er ein berechtigtes Anliegen, für die anderen eine Spaltung der Gesellschaft.
Klassenkampf ist auch nicht dasselbe wie ein Streik. Der Streik ist eine rechtlich geregelte Form des Drucks in Tarifkonflikten, die Gewerkschaften führen, wie der Eintrag Arbeitskampf erklärt. Der Klassenkampf ist dagegen ein theoretischer Oberbegriff für Interessengegensätze in der ganzen Gesellschaft.
Merke
Klassenkampf ist ein Analysebegriff für Interessengegensätze zwischen wirtschaftlichen Gruppen. Er sagt nichts über einzelne Personen aus und ist nicht dasselbe wie ein Streik.
Ausführlich erklärt
Das Manifest von 1848
Das Manifest der Kommunistischen Partei erschien im Februar 1848 in London als 23 Seiten starke Programmschrift des Bundes der Kommunisten, ohne Namen der Verfasser. Der berühmteste Satz steht am Anfang des ersten Kapitels: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ Engels schränkte ihn 1888 ein: Gemeint sei genau gesprochen die schriftlich überlieferte Geschichte, denn die Vorgeschichte der Gesellschaft sei 1847 noch so gut wie unbekannt gewesen.
Für ihre Zeit sahen Marx und Engels eine Zuspitzung. Die Gesellschaft spalte sich „mehr und mehr in zwei große feindliche Lager“, nämlich Bourgeoisie und Proletariat. Nach Engels (1888) ist die Bourgeoisie die Klasse der modernen Kapitalisten, die Besitzer der gesellschaftlichen Produktionsmittel sind und Lohnarbeit ausnutzen. Das Proletariat ist die Klasse der modernen Lohnarbeiter, die keine eigenen Produktionsmittel besitzen und deshalb ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um leben zu können.
Ein Begriff mit Vorgeschichte
Marx selbst beanspruchte die Entdeckung des Klassenkampfs nicht. In einem Brief an Joseph Weydemeyer vom 5. März 1852 schrieb er sinngemäß, ihm gebühre kein Verdienst dafür, die Existenz von Klassen in der modernen Gesellschaft oder den Kampf zwischen ihnen entdeckt zu haben. Bürgerliche Historiker hätten die Entwicklung dieses Klassenkampfs lange vor ihm beschrieben, bürgerliche Ökonomen die wirtschaftliche Gliederung der Klassen. Neu sei sein Nachweis, dass Klassen nur an bestimmte geschichtliche Entwicklungsphasen der Produktion gebunden sind und dass der Klassenkampf über eine Diktatur des Proletariats zu einer Gesellschaft ohne Klassen führe.
Was ist eine Klasse? Der Streit um den Begriff
Nach der Darstellung des Politikwissenschaftlers Christoph Butterwegge in „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (2022) ist der Klassenbegriff bei Marx und Engels relational: Eine Klasse lässt sich nur in ihrem Verhältnis zu anderen Klassen bestimmen. Max Weber definierte Klasse in seinem 1922 posthum erschienenen Hauptwerk über gemeinsame Lebenschancen, die aus Besitz und Erwerbsmöglichkeiten am Markt folgen. Nach Butterwegge unterstellt Weber damit, dass Ungleichheit erst im Austausch auf Märkten entsteht und nicht schon im Produktionsprozess.
Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt im Politiklexikon, der Begriff Klasse sei weitgehend durch den Begriff Schicht ersetzt worden, weil in modernen Gesellschaften sozialer Auf- und Abstieg möglich sei. Butterwegge widerspricht: Die Klassengesellschaft sei nie weg gewesen. Der Soziologe Andreas Reckwitz sieht nach Butterwegges Wiedergabe eine neue Klassengesellschaft, die ökonomisch, kulturell und politisch zugleich geprägt ist. Butterwegge hält dagegen, dass die materielle Grundlage Vorrang habe.
Der Streit um den Klassenbegriff dreht sich darum, ob Besitz, Bildung, Kultur oder erst ihr Zusammenspiel Gruppen in der Gesellschaft formen.
Kerngedanke
Gegenwart: Vermögen und Einkommen in Deutschland
Wie ungleich die Gesellschaft heute ist, hängt auch von der Datenquelle ab. Die Bundesbank befragte für ihre Studie „Private Haushalte und ihre Finanzen“ von Mai 2023 bis Februar 2024 Haushalte. Nach dem Monatsbericht vom April 2025 lag das mittlere Nettovermögen (der Median, der die Haushalte in eine ärmere und eine reichere Hälfte teilt) bei 103.200 Euro, der Durchschnitt bei 324.800 Euro. Die vermögendsten 10 % der Haushalte besaßen 54 % des gesamten Nettovermögens, 2010 waren es noch 59 %. Der Gini-Koeffizient, ein Maß zwischen 0 und 100 %, lag bei 72,4 %.
Die Bundesbank weist selbst darauf hin, dass sehr vermögende Haushalte in Befragungen selten erfasst werden und ihr Anteil deshalb unterschätzt wird. Ihre verteilungsbasierte Vermögensbilanz soll diese Lücke ausgleichen. Sie nennt für das dritte Quartal 2023 einen Anteil von 60,5 % für die obersten 10 % und von mehr als 2,4 % für die vermögensärmere Hälfte der Haushalte. Beziehen die Fachleute der Bundesbank in einer überschlägigen Simulation die Ansprüche an die gesetzliche Alterssicherung ein, sinkt der Anteil der obersten 10 % auf 39 %. Das DIW Berlin kam 2020 mit einer Zusatzstichprobe für hohe Vermögen und Reichenlisten auf rund 67 % für das oberste Zehntel der Personen und rund 35 % für das reichste Prozent. Reichenlisten beruhen laut DIW auf Schätzungen.
Bei den Einkommen meldet das Statistische Bundesamt für 2025 in seinen Erstergebnissen eine Armutsgefährdungsquote von 16,1 %, das sind rund 13,3 Millionen Menschen. Als armutsgefährdet gilt, wer über weniger als 60 % des mittleren Einkommens verfügt, bei Alleinlebenden lag die Schwelle bei 1.446 Euro netto im Monat. Die Einkommen stammen aus dem Jahr 2024. Besonders oft betroffen sind Alleinlebende (30,9 %), Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten (28,7 %) und Arbeitslose (64,9 %). Der Siebte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, den das Kabinett am 3. Dezember 2025 beschloss, stellt fest: Die Einkommensungleichheit ist in den vergangenen zehn Jahren leicht gestiegen, die Vermögensungleichheit leicht gesunken. Der Gini-Koeffizient der Einkommen stieg von 0,28 (2010) auf 0,31 (2022).
Einordnung
Diese Zahlen messen Verteilung. Ob daraus ein Interessenkonflikt im Sinne von Marx folgt, ist eine Deutung. Die Werte sind außerdem nicht direkt vergleichbar: Sie zählen Haushalte oder Personen und beruhen auf Befragungen, Bilanzen oder Schätzlisten. Welche politischen Forderungen sich daraus ergeben, etwa zu Steuern oder Sozialleistungen, ist umstritten und steht nicht in den Daten.
Klassismus: Wenn die soziale Stellung zur Diskriminierung wird
Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt in ihrer Handreichung von 2026 Klassismus als Diskriminierung, Benachteiligung und Ausgrenzung aufgrund der sozialen Herkunft und/oder der sozialen Position. Dabei zählt nicht nur, wie viele Mittel jemand gerade hat, sondern auch, auf welche er, sie oder dey in früheren Lebensphasen zurückgreifen konnte. Fachleute beschreiben Klassismus teils als Diskriminierung wegen Herkunft oder Status, teils als Unterdrückung und Ausbeutung im Kapitalismus. Der Eintrag Klassismus behandelt das Thema ausführlicher.
Rechtlich ist die Lage uneinheitlich. Paragraf 1 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes nennt Rasse und ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexuelle Identität, nicht aber soziale Herkunft oder sozialen Status. Das Berliner Landesantidiskriminierungsgesetz von 2020 führt in Paragraf 2 dagegen den sozialen Status als Grund auf, der Schutz gilt dort für öffentlich-rechtliches Handeln. Zur sozialen Herkunft liefert der Siebte Armuts- und Reichtumsbericht Befunde: Zwischen dem Elternhaus und dem Bildungserfolg sowie dem beruflichen Status der Kinder bestehen enge Zusammenhänge, die Chancen auf sozialen Aufstieg über Generationen seien vergleichsweise eingeschränkt. Die Handreichung erklärt solche Benachteiligungen mit Pierre Bourdieus Kapitaltheorie: Neben dem Geld wirken kulturelles Kapital (Bildung, Umgangsformen) und soziales Kapital (Beziehungen).
Klassismus tritt nach der Handreichung oft gemeinsam mit anderen Diskriminierungsformen auf. Für das Zusammenwirken stehen die Begriffe Intersektionalität und Mehrfachdiskriminierung. Die Benachteiligung sei dabei mehr als die Summe der einzelnen Formen, Sexismus etwa könne durch Klassismus und Rassismus deutlich verstärkt und verändert werden.
Quellen: Marx und Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Kapitel I, mit Anmerkungen von 1888 / Einleitung zum Manifest (Erstausgabe Februar 1848) / Marx an Joseph Weydemeyer, 5. März 1852 (englischer Auszug) / Christoph Butterwegge: Ungleichheit in der Klassengesellschaft (2022) / Bundeszentrale für politische Bildung: Klasse, Das Politiklexikon (2020) / Deutsche Bundesbank, Monatsbericht April 2025: Ergebnisse der Vermögensbefragung 2023 / DIW Berlin, Wochenbericht 29/2020: MillionärInnen unter dem Mikroskop / Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 039 vom 3. Februar 2026 / Siebter Armuts- und Reichtumsbericht, Übersichtsseite / Siebter Armuts- und Reichtumsbericht (PDF) / Bundeszentrale für politische Bildung: Gekonnt handeln, Kritische Auseinandersetzung mit Klassismus (2026) / Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, Paragraf 1 / Landesantidiskriminierungsgesetz Berlin (GVBl. Nr. 29 vom 20. Juni 2020)
Hinweis zur Quellenlage: Zahlenstand: 17. Oktober 2026. Das Manifest ist nach dem Online-Text des Marx/Engels Internet Archive zitiert. Den Brief an Weydemeyer habe ich nur als englischen Auszug gelesen. Aussagen zu Weber, Dörre, Reckwitz und Bourdieu stammen aus der Darstellung von Butterwegge und der Bundeszentrale für politische Bildung, nicht aus den Originalen. Butterwegge wirbt selbst für den Klassenbegriff. Die Armutszahlen sind Erstergebnisse und können korrigiert werden. Das Berliner Gesetz ist in der Fassung von 2020 gelesen. Keine Rechtsberatung.
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