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- An Tagen extremer Hitze lag die Rate psychisch bedingter Notaufnahmebesuche in einer großen US-Studie um 8 Prozent höher als an Tagen mit optimaler Temperatur.
- Hitze kann als zusätzlicher Stressor wirken, etwa über Schlafmangel und schlechtere Konzentration. Wer Medikamente nimmt, Vorerkrankungen hat oder sich kaum abkühlen kann, kann stärker belastet sein.
- Was schützen kann: den Schlafraum kühl halten, früh genug trinken, Medikamente ärztlich besprechen und aufeinander achten.
Wenn über Hitze gesprochen wird, geht es meist um Kreislauf, Hitzschlag und Sonnenbrand. Dass auch die Psyche mitbelastet wird, kommt seltener vor. Dabei zeigen große Studien aus mehreren Ländern, dass an sehr heißen Tagen mehr Menschen wegen psychischer Beschwerden Hilfe suchen. Dieser Artikel ordnet ein, was die Forschung dazu hergibt und wo sie an Grenzen stößt.
Hitze hängt mit mehr psychischen Notfällen zusammen
Die größte Einzelstudie dazu wertete 3.496.762 Notaufnahmebesuche aus 2.775 US-Landkreisen aus, jeweils von Mai bis September der Jahre 2010 bis 2019. Als extreme Hitze galten die heißesten 5 Prozent der Sommertage im jeweiligen Landkreis. An diesen Tagen lag die Rate der Besuche wegen psychischer Beschwerden um 8 Prozent höher als an Tagen mit optimaler Temperatur.[1]
Der Zusammenhang zeigte sich bei allen untersuchten Diagnosegruppen: bei Störungen durch Substanzkonsum (8 Prozent), Angst- und Belastungsstörungen (7 Prozent), Stimmungsstörungen (7 Prozent), Selbstverletzung (6 Prozent) und Schizophrenie (5 Prozent). Am deutlichsten war er bei Verhaltensstörungen, die in der Kindheit beginnen (11 Prozent).[1] Die Autor*innen lesen das als Hinweis, dass Hitze als allgemeiner äußerer Stressor wirkt, der nicht an eine bestimmte Erkrankung gebunden ist.
Auch Übersichtsarbeiten kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Eine Übersichtsarbeit von 2023 wertete 114 Studien aus und fasste einen Teil davon statistisch zusammen (Metaanalyse). Drei Studien zu Hitzewellen ergaben 9,7 Prozent mehr Klinikbesuche oder Aufnahmen wegen psychischer Erkrankungen als außerhalb von Hitzewellen. Fünf Studien ergaben pro Grad höherer mittlerer Tagestemperatur eine um 1,7 Prozent höhere Suizidrate. Ein großer Teil der Befunde gilt insgesamt als wenig gesichert und uneinheitlich.[2] Eine weitere Metaanalyse aus 53 Studien ergab pro Grad Erwärmung 0,9 Prozent mehr Erkrankungsfälle mit Klinikkontakt und 2,2 Prozent mehr Todesfälle im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen.[3] Die Fachgesellschaft DGPPN nennt außerdem mehr aggressive Zwischenfälle und mehr Notaufnahmen in Akutpsychiatrien bei Hitze.[4]
Wie Hitze die Psyche belasten kann
Warum der Zusammenhang besteht, ist nicht abschließend geklärt. Die Autor*innen der US-Studie nennen unter anderem zwei mögliche Wege: schlechter Schlaf bei hohen Temperaturen und Unwohlsein am Tag, das bestehende Belastungen verstärken kann.[1] Zu Schlaf und Denkleistung gibt es Daten.
Hitze ist kein Auslöser für eine einzelne Diagnose, sondern ein zusätzlicher Stressor, der Schlaf, Konzentration und Stimmung gleichzeitig belasten kann.
Kerngedanke
Beim Schlaf gibt es große Datensätze. Eine Auswertung mit rund 765.000 Befragten in den USA zeigte, dass Nächte, die 1 Grad wärmer waren als üblich, etwa 3 zusätzliche Nächte mit selbst berichtetem Schlafmangel pro 100 Personen und Monat bedeuteten. Die Wirkung war im Sommer am stärksten, bei Menschen mit geringem Einkommen mehr als dreimal so groß wie bei besser Verdienenden und bei Älteren fast doppelt so groß wie bei Jüngeren.[5]
Das passt zur Frage, wer sich nachts abkühlen kann. Zur Einordnung: Als Tropennacht gilt in Deutschland eine Nacht, in der die Temperatur nicht unter 20 Grad sinkt, als heißer Tag ein Tag mit mindestens 30 Grad.[6][7]
Auch das Denken leidet. In einer kleinen Studie mit 44 Studierenden im Raum Boston verlängerte sich die Reaktionszeit in einem Aufmerksamkeitstest während einer Hitzewelle bei Studierenden in nicht klimatisierten Gebäuden um 13,4 Prozent stärker als bei denen in klimatisierten Gebäuden. Gemessen wurde direkt nach dem Aufwachen. Die Gruppe ist klein, die Ergebnisse deuten aber an, dass auch junge und gesunde Erwachsene betroffen sein können.[8]
Hinzu kommt die Sorge ums Klima selbst. In einer Befragung von 10.000 jungen Menschen im Alter von 16 bis 25 Jahren in 10 Ländern waren 59 Prozent sehr oder extrem besorgt über den Klimawandel, und mehr als 45 Prozent gaben an, dass diese Gefühle ihren Alltag beeinträchtigen.[9] Die Befragung untersuchte Klimaangst allgemein, nicht speziell Hitze. Dass Hitzewellen sie spürbarer machen, ist naheliegend, aber so nicht belegt.
Wen Hitze besonders belasten kann
Menschen mit psychischen Erkrankungen gelten als besonders gefährdet. Laut einem Praxishinweis im CMAJ gehört eine psychische Erkrankung zu den stärksten Vorhersagefaktoren für hitzebedingte Todesfälle (Odds Ratio 3,61, also deutlich erhöht; das Konfidenzintervall von 1,3 bis 9,8 zeigt aber, dass die Schätzung ungenau ist). Während der Hitzewelle in Westkanada 2021 hatten Personen mit Schizophrenie das höchste Sterberisiko unter den untersuchten chronischen Erkrankungen.[10]
In der Metaanalyse von Liu und Kolleg*innen zeigte sich das höchste Sterberisiko pro Grad bei substanzbezogenen Störungen und bei organischen psychischen Störungen, zu denen etwa Demenz zählt. Bei Substanzstörungen ist die Schätzung allerdings statistisch unsicher. Hinweise gab es außerdem auf eine höhere Anfälligkeit ab 65 Jahren.[3] Die US-Studie zu Notaufnahmen fand dagegen keine Unterschiede zwischen den Altersgruppen, aber höhere Raten bei Männern (10 Prozent) als bei Frauen (6 Prozent). Die Daten weisen nur Männer und Frauen aus, andere Geschlechtsidentitäten werden darin nicht sichtbar.[1]
Für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 24 Jahre ergab eine Auswertung von 28 Studien bei hohen im Vergleich zu niedrigen Temperaturen ein um 13 Prozent höheres Risiko für Klinikbesuche wegen psychischer Störungen.[11] Wer besonders betroffen ist, hängt also stark davon ab, was genau gemessen wurde.
Dazu kommen die Lebensumstände. Der CMAJ-Beitrag nennt Armut, Wohnungslosigkeit und Substanzkonsum als zusätzliche Risikofaktoren und weist darauf hin, dass lange Hitzeeinwirkung besonders gefährlich ist, wenn keine Klimaanlage oder andere Kühlung zur Verfügung steht.[10] Das ist auch eine Frage von Umweltgerechtigkeit: Wer in verdichteten Vierteln ohne Grün wohnt, kann den Hitzeinsel-Effekt stärker spüren.
Medikamente können die Hitzebelastung verändern
Manche Medikamente verändern, wie der Körper mit Hitze umgeht. Nach dem CMAJ-Beitrag können Antidepressiva, Antipsychotika und Stimulanzien die Temperaturregulation im Gehirn beeinflussen. Antipsychotika und Benzodiazepine können das Hitzeempfinden verändern, sodass Überhitzung später bemerkt wird. Bei Lithium kann Flüssigkeitsmangel dazu führen, dass das Medikament giftig wirkt. Auch Blutdruckmittel, Anticholinergika und Medikamente gegen Parkinson können das Durstempfinden vermindern und den Blutdruck senken. Die direkte Datenlage zu den genauen Mechanismen ist allerdings begrenzt.[10] Eine Übersichtsarbeit zu älteren Erwachsenen nennt ACE-Hemmer, Angiotensin-Blocker, Anticholinergika und Antipsychotika als Wirkstoffgruppen, die am häufigsten mit hitzebedingten Erkrankungen in Verbindung standen. Konkrete, gut belegte Handlungsempfehlungen fehlen noch.[12]
Medikamente nicht eigenmächtig absetzen
Mögliche Hitzerisiken müssen gegen den Nutzen der Behandlung abgewogen werden. Wer Medikamente nimmt, bespricht die Hitzetage am besten vorab mit der behandelnden Praxis, statt die Einnahme allein zu ändern.
Was die Studien nicht hergeben
Die meisten hier genannten Studien sind Beobachtungsstudien. Sie vergleichen heiße mit weniger heißen Tagen oder Orten und zeigen Zusammenhänge, keine nachgewiesenen Ursachen. Die US-Untersuchung erfasst zudem nur Menschen mit privater Krankenversicherung oder Medicare Advantage, was die Stichprobe eher zu wohlhabenderen Gruppen verschiebt.[1]
Einordnung
Die Studien vergleichen Tage und Gruppen. Sie belegen Zusammenhänge im Durchschnitt, aber nicht, wie Hitze bei einer einzelnen Person wirkt.
Für Deutschland ist das Bild nicht eindeutig. Eine Auswertung von 560 Haus- und Kinderarztpraxen verglich heiße Jahre (2015, 2018, 2019 und 2022) mit kühleren. In den heißen Jahren wurden häufiger hitzebedingte körperliche Erkrankungen dokumentiert, psychische Diagnosen wie Depressionen dagegen seltener. Das Autorenteam hält es für möglich, dass hitzebedingte seelische Belastung in der Hausarztversorgung untererfasst wird.[13] Ob sie in Deutschland tatsächlich seltener auftritt oder nur seltener dokumentiert wird, lässt sich daraus nicht ableiten.
Was du tun kannst
- Den Schlafbereich zu kühlen kann helfen: tagsüber Rollläden oder Vorhänge schließen, nachts lüften, sobald es draußen kühler ist als drinnen. Weitere Ideen findest du im Artikel Kühl bleiben ohne Klimaanlage.
- Vorbeugend trinken, nicht erst bei Durst, dazu kühl duschen und körperliche Anstrengung in den heißesten Stunden vermeiden. Das empfehlen die CMAJ-Autor*innen für die psychiatrische Versorgung.[10]
- Die Raumtemperatur mit einem einfachen Thermometer im Blick behalten, falls sich das Hitzeempfinden durch Medikamente verändert hat.[10]
- Medikamente und Hitzetage vorab in der behandelnden Praxis ansprechen. Bei Unsicherheit lieber nachfragen, als die Einnahme selbst zu ändern.
- Auf andere achten: bei Nachbar*innen, Freund*innen oder Angehörigen nachfragen, die allein leben, psychisch erkrankt oder älter sind, und kühle Orte teilen. Unterstützungsnetzwerke und der Zugang zu Kühlung gehören laut CMAJ-Beitrag zu den wichtigsten Maßnahmen.[10]
Wenn es dir an heißen Tagen psychisch schlechter geht, musst du das nicht allein tragen. Mögliche Anlaufstellen sind die Hausarztpraxis, der Terminservice 116117, der rund um die Uhr telefonisch erreichbar ist,[14] oder die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 und 116 123, kostenfrei.[15] Auch queere Beratungsstellen vor Ort können eine Möglichkeit sein. In akuter Gefahr hilft der Notruf 112. Hilfe zu suchen ist nicht für alle gleich leicht, und nicht jede Stelle passt zu jeder Person. Wenn eine Stelle nicht weiterhilft, ist das kein Scheitern, sondern ein Grund, eine andere zu probieren.
Fazit: Hinsehen, auch wenn Belastung unsichtbarer ist als ein Hitzschlag
Hitze belastet nicht nur den Körper. Die Studien deuten darauf hin, dass sie Schlaf, Konzentration und Stimmung beeinträchtigen und psychische Belastungen verstärken kann, besonders bei Vorerkrankungen, Medikamenten und fehlenden Rückzugsorten. Gleichzeitig ist vieles noch nicht geklärt, vor allem für Deutschland.
Hitzeschutz ist deshalb keine reine Privatsache. Ein Mitautor des DGPPN-Positionspapiers fordert kühle Orte in Städten und weist darauf hin, dass Grünflächen der Psyche auch unabhängig von ihrer Kühlwirkung guttun.[4] Wie sich Städte und Gemeinschaften auf Hitze einstellen können, beschreibt das Lexikon unter Klimaresilienz. Bis es so weit ist, hilft schon, in heißen Phasen bei sich und anderen nachzufragen, ob es nicht nur dem Körper, sondern auch der Psyche gut geht.
Quellen
[1] Nori-Sarma A. et al. (2022): Association Between Ambient Heat and Risk of Emergency Department Visits for Mental Health Among US Adults, 2010 to 2019. JAMA Psychiatry 79(4), 341 bis 349. doi.org
[2] Thompson R. et al. (2023): Ambient temperature and mental health: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Planetary Health 7(7), e580 bis e589. doi.org
[3] Liu J. et al. (2021): Is there an association between hot weather and poor mental health outcomes? A systematic review and meta-analysis. Environment International 153, 106533. doi.org
[4] DGPPN (04.06.2025): Hitzeaktionstag 2025, Steigende Temperaturen: Gefahr für die Psyche. dgppn.de
[5] Obradovich N. et al. (2017): Nighttime temperature and human sleep loss in a changing climate. Science Advances 3(5), e1601555. doi.org
[6] Deutscher Wetterdienst: Deutscher Klimaatlas, Erläuterungen zu Tropennächten. dwd.de
[7] Deutscher Wetterdienst: Deutscher Klimaatlas, Erläuterungen zu heißen Tagen. dwd.de
[8] Cedeño Laurent J. G. et al. (2018): Reduced cognitive function during a heat wave among residents of non-air-conditioned buildings. PLOS Medicine 15(7), e1002605. doi.org
[9] Hickman C. et al. (2021): Climate anxiety in children and young people and their beliefs about government responses to climate change: a global survey. The Lancet Planetary Health 5(12), e863 bis e873. doi.org
[10] Xue S., Rajan A., Kidd S. A. (2025): Psychotropic prescriptions in the context of extreme heat. Canadian Medical Association Journal 197(29), E915. doi.org
[11] Lai K. Y. et al. (2026): Associations of heat exposure with mental health and suicide in children and adolescents: a systematic review and meta-analysis. npj Mental Health Research 5(1). doi.org
[12] Tews L. M., Abazia D. T. (2026): Recognizing and Mitigating the Effects of Medication on Heat-Related Illness in Older Adults: A Scoping Review. Pharmacy 14(3), 74. doi.org
[13] Bohlken J., Kostev K. (2025): Hitze und psychische Gesundheit: Diskrepanz zwischen Fachposition und dokumentierter primärärztlicher Diagnostik. Psychiatrische Praxis (zu dieser Arbeit liegt ein Erratum vor). doi.org
[14] Patientenservice 116117 der Kassenärztlichen Vereinigungen: Terminservice für Arzt- und Psychotherapiepraxen, telefonisch rund um die Uhr erreichbar. 116117.de
[15] TelefonSeelsorge Deutschland: kostenfreie Rufnummern 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 und 116 123. telefonseelsorge.de



