Kompakt erklärt
Othering beschreibt einen Mechanismus, bei dem Menschen andere als grundlegend „fremd“ oder „anders“ markieren, um sich selbst als Norm zu positionieren. Der Begriff kommt vom englischen „other“ (das Andere) und beschreibt, wie aus „wir“ und „die anderen“ eine Rangordnung entsteht: Die eigene Gruppe gilt als normal, alles Abweichende als besonders, auffällig oder fremd. Ein alltägliches Beispiel: Wenn immer wieder gefragt wird, woher jemand „wirklich“ kommt, obwohl die Person in Deutschland geboren ist, wird sie sprachlich zur Ausnahme gemacht, die sich erklären muss, während andere das nie tun müssen. Othering passiert oft unbewusst und ohne böse Absicht, in Nachrichtenbildern, Schulbüchern oder Alltagsgesprächen. Entscheidend ist dabei ein Machtgefälle: Wer zur gesellschaftlichen Mehrheit gehört, definiert meist, was als „normal“ gilt, und wer als „anders“ markiert wird. Das betrifft rassifizierte Menschen ebenso wie queere Menschen, Menschen mit Behinderung oder Menschen in Armut. Othering ist deshalb ein zentraler Baustein, um zu verstehen, wie Diskriminierung sprachlich vorbereitet wird, bevor sie sichtbar wird.
Für Neugierige
Systematisch beschrieben wurde Othering 1985 von der Literatur- und Kulturtheoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak, die den Begriff aus der postkolonialen Theorie heraus entwickelte und dabei analysierte, wie koloniale Archive „den Anderen“ konstruierten. Vorarbeiten dazu finden sich schon bei Hegel, der das Verhältnis von Selbst und Anderem philosophisch beschrieb, und bei Simone de Beauvoir, die zeigte, wie Frauen in patriarchalen Gesellschaften zum „Anderen“ des männlichen Standardmenschen gemacht werden. Später übertrug der Theoretiker Edward Said das Konzept auf den Orientalismus, die stereotype Darstellung des „Orients“ aus westlicher Perspektive. Eine aktuelle Studie im Bundesgesundheitsblatt zeigt zudem, wie Othering ganz praktisch wirkt, etwa in der psychotherapeutischen Versorgung und Unterbringung Geflüchteter. Wichtig für die praktische Anwendung: Othering zu erkennen bedeutet nicht, jede Erwähnung von Unterschieden zu verbieten, sondern zu hinterfragen, wessen Perspektive als selbstverständlich gilt und wer ständig erklären muss, warum er oder sie dazugehört. Genau diese Frage zu stellen ist ein erster Schritt zu einer Sprache, die niemanden zum Sonderfall macht.
Quelle: Bundesgesundheitsblatt / Springer Nature (2023): Othering am Beispiel von Migration / Wikipedia: Othering
Verwandte Begriffe: Marginalisierung · Struktureller Rassismus · Intersektionalität · Mikroaggression



