- Bedeutung
- Die Vorstellung, dass Menschen eine angeborene Neigung haben, sich auf Leben und lebensähnliche Prozesse zu richten und sich emotional mit ihnen zu verbinden
- Herkunft
- Erich Fromm (1964, als Persönlichkeitsmerkmal) und Edward O. Wilson (1984, als evolutionäre Hypothese)
- Wortbedeutung
- Griechisch bios (Leben) und philia (Liebe, Zuneigung)
- Anwendung
- Biophiles Design, Naturtherapie, Stadt- und Gesundheitsplanung
- Streitpunkt
- Wie viel davon angeboren ist und wie viel erlernt
Einfach erklärt
Biophilie heißt wörtlich „Liebe zum Leben“. Der Begriff bezeichnet die Annahme, dass Menschen eine Neigung haben, sich mit anderen Lebewesen und mit der Natur zu verbinden. Der Biologe Edward O. Wilson beschreibt sie als angeborene Neigung, sich auf Leben und lebensähnliche Formen zu richten und sich ihnen in manchen Fällen emotional zuzuwenden.
Im Alltag zeigt sich das in Zimmerpflanzen, Haustieren, Parks und dem Waldspaziergang. Die Forschung findet dazu eine Reihe von Zusammenhängen. Naturkontakt hängt mit besserer Stimmung und weniger Stress zusammen. Wie stark diese Effekte sind und ob sie wirklich auf eine angeborene Neigung zurückgehen, ist allerdings weniger klar, als der Begriff vermuten lässt.
Aus der Idee ist ein praktisches Feld geworden: Biophiles Design bringt Pflanzen, Tageslicht, natürliche Materialien, Wasser und organische Formen in Gebäude. Es wird vor allem bei Krankenhäusern, Schulen und Büros diskutiert.
Merke
Biophilie ist eine Hypothese, kein bewiesenes Naturgesetz. Dass Naturkontakt vielen Menschen guttut, ist gut belegt. Ob die Ursache eine angeborene Neigung ist, bleibt umstritten.
Ausführlich erklärt
Woher der Begriff kommt
Der Begriff wurde zweimal unabhängig geprägt. Der Psychologe Erich Fromm verwendete ihn 1964 in „The Heart of Man“ für eine Haltung, die sich dem Lebendigen zuwendet, also für ein Merkmal der Persönlichkeit. Ob es sich entfaltet, hängt bei Fromm von den natürlichen und sozialen Bedingungen ab. Edward O. Wilson machte daraus 1984 in seinem Buch „Biophilia“ eine biologische Hypothese: Die Verbindung zur Lebenswelt sei im Lauf der Evolution entstanden. Barbiero und Berto (2021) fassen beide Linien zusammen und zeigen, dass Wilson den Begriff operationalisierbar machte, weil er zwei Bausteine benennt: Faszination (das Hinschauen) und Zuwendung (die emotionale Bindung).
Wilson verstand die Neigung ausdrücklich nicht als starren Instinkt, sondern als Reihe schwacher Lernregeln, die viel Spielraum lassen. 1993 gaben Stephen Kellert und Wilson den Sammelband „The Biophilia Hypothesis“ heraus, der die Idee weiter ausführte.
Was Studien zu Naturkontakt zeigen
Am bekanntesten ist eine Studie von Roger Ulrich aus dem Science-Magazin von 1984. Er wertete Akten eines Vorstadtkrankenhauses in Pennsylvania aus den Jahren 1972 bis 1981 nach Gallenblasenoperationen aus. 23 Patientinnen und Patienten mit Zimmer zu einer Naturszene blieben nach der Operation kürzer im Krankenhaus, erhielten weniger negative Einträge in den Pflegenotizen und nahmen weniger starke Schmerzmittel als 23 vergleichbare Personen mit Blick auf eine Backsteinwand. Es war eine Auswertung bestehender Akten mit einer kleinen Gruppe, kein geplanter Großversuch.
Danach kamen viele weitere Arbeiten. Twohig-Bennett und Jones (2018) werteten 103 Beobachtungs- und 40 Interventionsstudien aus. Mehr Grünraum ging dort unter anderem mit weniger Speichel-Cortisol, niedrigerem Puls und geringerem Risiko für Typ-2-Diabetes einher. Die Autorinnen schreiben selbst, dass einige Ergebnisse durch schwache Studienqualität und große Unterschiede zwischen den Studien begrenzt sind. Es sind Zusammenhänge, keine Beweise für Ursache und Wirkung.
Gaekwad und andere (2022) fassten 49 Experimente mit zusammen 3.201 Teilnehmenden zusammen. Der Aufenthalt in natürlicher Umgebung steigerte positive Gefühle und senkte negative, mit mittlerer bis großer Wirkung. Real erlebte Umgebungen wirkten stärker als Simulationen im Labor. Park und andere (2010) ließen 280 junge Erwachsene in 24 japanischen Wäldern spazieren und sich in Stadtgebieten aufhalten. Im Wald lagen Cortisol, Puls und Blutdruck niedriger als in der Stadt. Bratman und andere (2015) fanden, dass ein Spaziergang von 90 Minuten in der Natur das Grübeln und die Aktivität einer damit verknüpften Hirnregion verringerte, ein Spaziergang in der Stadt dagegen nicht.
Wie umstritten die Hypothese ist
Dass Naturkontakt hilft, ist eine Sache. Dass die Ursache eine angeborene Neigung aus der Evolution ist, eine andere. Joye und van den Berg (2011) sowie weitere Forschende kritisieren die evolutionäre Deutung. Barbiero und Berto (2021) geben ihre Position so wieder: Die positive Reaktion auf Natur sei auch gelernt und hänge davon ab, welche Bedeutung Menschen einer Umgebung zuschreiben, nicht allein von den Eigenschaften des Reizes.
Hinzu kommt, dass viele Studien kleine oder besondere Gruppen untersuchen, etwa die jungen Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von rund 22 Jahren in der japanischen Waldstudie. Ob die Ergebnisse für alle Altersgruppen, Kulturen und Lebenslagen gelten, ist damit nicht gesagt.
Dass Naturkontakt vielen Menschen guttut, ist belegt; dass daraus eine angeborene Liebe zum Leben folgt, ist eine Deutung.
Kerngedanke
Biophiles Design in der Praxis
Biophiles Design übersetzt die Idee in Bauplanung. Ryan und andere (2014) bauen auf einem Rahmen mit drei Kategorien auf: Natur im Raum, Naturanaloga und die Natur des Raums. Sie legen dazu Gestaltungsmuster vor und verweisen auf neuere Forschung aus Neurowissenschaft und Endokrinologie. Das ist ein Planungsrahmen, kein Beleg dafür, dass jeder begrünte Raum Gesundheit fördert.
Zugang zu Natur ist ungleich verteilt
Die Frage nach Naturkontakt ist auch eine Frage der Verteilung. Eine Übersicht von Rigolon und anderen (2018) wertete 46 Studien aus Städten des Globalen Südens aus. Wohlhabendere Gruppen hatten in 85 Prozent der Fälle mehr Grünfläche. Bei der Nähe zur Grünfläche lagen sie in 74 Prozent der Fälle vorn. Für den Globalen Norden verweisen die Autorinnen und Autoren auf eine frühere Übersicht, nach der wohlhabende und weiße Menschen mehr und bessere Grünflächen haben, sich die Entfernung aber nicht klar unterscheidet.
Umgekehrt scheint Grün gerade dort viel zu bewirken, wo es fehlt. Eine Übersicht von Rigolon und anderen (2021) mit 90 Artikeln fand, dass Menschen mit niedrigerem Einkommen stärkere Vorteile von Grünflächen hatten als wohlhabende, vor allem bei öffentlichen Parks. Zwischen ethnischen Gruppen fanden sie keine nennenswerten Unterschiede in der Schutzwirkung. Das macht Grünflächen zu einem Thema der Umweltgerechtigkeit und der Klimagerechtigkeit.
Verbindungen zu anderen Begriffen
Biophilie berührt auch Gefühle angesichts bedrohter Natur: Solastalgie beschreibt den Schmerz über den Verlust vertrauter Umgebung durch den Klimawandel, die Klimaangst die Sorge um die Zukunft. Geschützte Vielfalt wiederum beschreibt der Eintrag zur Biodiversität.
Queere Perspektiven auf Natur
Die Vorstellung einer „natürlichen Ordnung“ wurde oft genutzt, um Menschen auszugrenzen. Der Band „Queer Ecologies“ (2010, herausgegeben von Catriona Mortimer-Sandilands und Bruce Erickson) verbindet deshalb Ökologie mit queerer Theorie. Mehr dazu bei Queere Ökologie. Für die Biophilie heißt das: Die Verbundenheit mit Natur muss nicht heißen, Natur als Norm für menschliches Leben zu nehmen.
Quellen: Wilson, E. O. (1984): Biophilia. Harvard University Press / Kellert, S. R. und Wilson, E. O. (Hrsg., 1993): The Biophilia Hypothesis. Island Press / Barbiero, G. und Berto, R. (2021): Biophilia as Evolutionary Adaptation: An Onto- and Phylogenetic Framework for Biophilic Design. Frontiers in Psychology 12, 700709 (Volltext gelesen) / Ulrich, R. S. (1984): View through a window may influence recovery from surgery. Science 224 (4647), S. 420 bis 421 (Zusammenfassung gelesen) / Twohig-Bennett, C. und Jones, A. (2018): The health benefits of the great outdoors: A systematic review and meta-analysis of greenspace exposure and health outcomes. Environmental Research 166, S. 628 bis 637 / Park, B.-J. et al. (2010): The physiological effects of Shinrin-yoku: evidence from field experiments in 24 forests across Japan. Environmental Health and Preventive Medicine 15, S. 18 bis 26 / Bratman, G. N. et al. (2015): Nature experience reduces rumination and subgenual prefrontal cortex activation. PNAS 112 (28), S. 8567 bis 8572 / Gaekwad, J. S. et al. (2022): A Meta-Analysis of Emotional Evidence for the Biophilia Hypothesis and Implications for Biophilic Design. Frontiers in Psychology 13, 750245 / Joye, Y. und van den Berg, A. (2011): Is love for green in our genes? A critical analysis of evolutionary assumptions in restorative environments research. Urban Forestry and Urban Greening 10 (4), S. 261 bis 268 (Inhalt über Barbiero und Berto 2021 wiedergegeben) / Ryan, C. O. et al. (2014): Biophilic Design Patterns: Emerging Nature-Based Parameters for Health and Well-Being in the Built Environment. Archnet-IJAR 8 (2), S. 62 bis 76 / Rigolon, A. et al. (2018): Access to Urban Green Space in Cities of the Global South: A Systematic Literature Review. Urban Science 2 (3), 67 / Rigolon, A. et al. (2021): Green Space and Health Equity: A Systematic Review on the Potential of Green Space to Reduce Health Disparities. International Journal of Environmental Research and Public Health 18 (5), 2563 / Mortimer-Sandilands, C. und Erickson, B. (Hrsg., 2010): Queer Ecologies: Sex, Nature, Politics, Desire. Indiana University Press
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