Wenn Wale stranden: Was dahintersteckt und wie du helfen kannst

Stunning aerial shot of a Southern Right Whale swimming in Puerto Madryn, Argentina.

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Die Bilder bleiben einem im Gedächtnis: ein riesiger dunkler Körper im Flachwasser, Freiwillige mit Wassereimern, Tierärzt*innen, die zwischen Wellen waten. Walstrandungen bewegen uns tief. Und sie sind Signale. Signale, was mit unseren Meeren passiert.

Weltweit stranden jedes Jahr Hunderte von Walen. In Tasmanien und Neuseeland enden immer wieder ganze Grindwalgruppen am Strand. In der Ostsee strandete 2024 ein Buckelwal nahe Wismar und überlebte trotz tagelanger Rettungsversuche nicht. Doch was steckt dahinter?

Natürliche Ursachen: Krankheit, Alter und Loyalität

Nicht jede Strandung hat menschliche Ursachen. Alte oder kranke Wale verlieren Orientierung und Kraft, driften in flaches Gewässer und kommen nicht mehr heraus. Manchmal ist es eine Verletzung durch eine Schiffsschraube, die ein Tier ans Ufer bringt.

Besonders berührend ist das soziale Stranden. Grindwale und andere soziale Arten folgen ihrer Gruppe bedingungslos, auch wenn diese einem kranken Tier hinterherschwimmt, das sich ins Flachwasser verirrt hat. Was in tiefen Gewässern Schutz bedeutet, wird im Küstenbereich zur Falle: Der ganze Familienverband landet am Ufer, weil kein Tier zurückbleibt.

Der sechste Sinn der Wale und das Problem mit der Sonne

Wale navigieren mit einem Magnetsinn. Wie mit einem eingebauten Kompass orientieren sie sich am Erdmagnetfeld, besonders auf langen Wanderungen über offene Ozeane. Jesse Granger und ihr Team von der Duke University analysierten 186 dokumentierte Strandungen des Grauwals an der US-amerikanischen Westküste zwischen 1985 und 2018. Ihr Ergebnis, erschienen 2020 in der Fachzeitschrift Current Biology: An Tagen mit hoher solarer Radiostrahlung waren Strandungen viermal häufiger als an ruhigen Tagen.

Das Faszinierende: Das Magnetfeld selbst wird durch Sonnenstürme kaum verändert. Aber die elektromagnetische Strahlung stört den biologischen Magnetsensor der Wale direkt. „Die Wale werden blind“, beschrieb Granger den Effekt: nicht im buchstäblichen Sinne, aber ihr Navigationssystem fällt aus. Ein gesundes Tier kann sich plötzlich nicht mehr orientieren.

Militärisches Sonar: Lärm, der tötet

Noch gravierender sind menschliche Eingriffe in die Akustik des Meeres. Militärisches Mittelfrequenzsonar, seit den 1960er-Jahren zur U-Boot-Erkennung eingesetzt, steht in direktem Zusammenhang mit Massenstrandungen von Schnabelwalen.

Zwischen 1960 und 2004 wurden weltweit 121 Strandungen von Schnabelwalen dokumentiert. Mindestens 37 davon lagen zeitlich und räumlich genau dort, wo kurz zuvor Militärmanöver mit Sonar stattgefunden hatten. Die Erklärung: Das Sonar sendet auf Frequenzen, die direkt in die Jagdgründe der Schnabelwale einwirken, in einer Tiefe von 600 bis 1.200 Metern. Unter dem extremen Lärmdruck verändern die Tiere ihr Tauchverhalten: Manche bleiben überlang in der Tiefe, andere tauchen überstürzt auf. Beides kann zur Taucherkrankheit führen, mit Stickstoffblasen im Gewebe, inneren Blutungen, Tod.

Spanien reagierte nach Massenstrandungen im Jahr 2002 mit einem Sonarmoratorium rund um die Kanarischen Inseln. Seitdem gab es dort keine einzige Massenstrandung mehr.

Geisternetze: Stille Fallen aus dem industriellen Fischfang

Manche Wale stranden geschwächt, weil sie sich zuvor in sogenannten Geisternetzen verfangen haben. Das sind Fischernetze, die im Meer verloren gegangen oder absichtlich zurückgelassen wurden und dort jahrelang weitergeistern. Jährlich landen schätzungsweise bis zu einer Million Tonnen Fischereigerät in den Ozeanen. Größere Wale können sich oft nicht befreien und erschöpfen sich über Wochen. Über 85 Prozent der verbliebenen rund 370 Nordatlantischen Glattwale tragen Narben von Verstrickungen. Diese Netze entstehen vor allem durch den industriellen Fischfang und seine Ausmaße.

Was ein gestrandeter Wal braucht

Wer einen gestrandeten Wal am Strand findet, sollte sofort Abstand halten und die Küstenwacht oder den Tiernotruf rufen. Wichtig bis zum Eintreffen der Rettung: das Tier mit Meerwasser feucht halten. An Land kann ein Wal seine Körperwärme nicht mehr regulieren, Überhitzung ist lebensgefährlich.

Was nicht hilft: das Tier allein zurückschieben. Ein erschöpftes oder krankes Tier landet oft kurz darauf wieder am Strand, noch geschwächter als zuvor. Professionelle Rettungsteams können einschätzen, ob eine Rückführung sinnvoll ist oder ob das Tier zu stark geschwächt ist.

Systeme verändern, nicht nur Einzel-Wal retten

Walstrandungen sind kein Zufallsphänomen. Sie stehen am Ende einer Kette aus Militärpolitik, Fischereiwirtschaft, Meereslärm und Klimawandel. Menschen, die an Küsten leben und direkt auf das Meer angewiesen sind, besonders im Globalen Süden, spüren die Konsequenzen dieser Systeme am direktesten: durch den Verlust der Fischbestände, durch Plastik in ihren Gewässern, durch eine Industrie, die anderswo entscheidet.

Was du tun kannst: Petitionen zu Sonarverboten unterstützen, und dabei gezielt auf parlamentarische Petitionen achten, die direkt beim Bundestag eingereicht werden. Die haben echten politischen Druck hinter sich; eine Online-Petition ist ein Zeichen, eine parlamentarische Petition ist ein Vorgang. Organisationen wie IFAW oder WWF stärken, die Geisternetze bergen und politisch für Meeresschutz eintreten. Und die eigene Haltung zu Meeresfischerei hinterfragen, nicht aus Schuldgefühl, sondern weil es eine direkte Verbindung zwischen dem gibt, was gefischt wird, und dem, was im Meer zurückbleibt.

Wale kommen nicht ans Ufer, weil sie Fehler machen. Sie reagieren auf das, was wir Menschen mit ihrem Lebensraum angestellt haben.

Quellen


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